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khd-research notiert:D I E W U R Z E L N D E R K R I S E
Die größte Weltwirtschaftskrise aller Zeiten
Und die Finanzkrise geht weiter 23[Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10] [Teil 11]
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gibt es auch in14.02.2009 (khd/sp/info-radio). Die Kritik an der Ausschüttung von Millionen-Boni an deutsche Bankmanager wird lauter. Kanzlerin Angela Merkel forderte im Spiegel, das Bonussystem müsse klarer an den nachhaltigen Erfolg der Banken gekoppelt werden. Es sei unverständlich, daß Banken, denen der Staat unter die Arme greife, in vielen Fällen gleichzeitig riesige Bonussummen auszahlten. Arbeitsminister Olaf Scholz sagte dem Magazin, wo Arbeitnehmer auf Lohn verzichteten, könnten in der Finanzkrise nicht freigiebig Boni gezahlt werden.
Offensichtlich sind alle moralischen und ethischen Kategorien bei sehr vielen Bankern total abhanden gekommen. Sie können nach wie vor nur in ihren ‚beschränkten Gleisen‘ denken und agieren. Und vermutlich bedarf es erst kreativer Bürger-Aktionen, um diese Kaste, die nachhaltig mit ihrem Tun Volkswirtschaften ruinierten, endlich zur Besinnung und Einhalt zu bringen. Allerdings verwundert die Kritik von Frau Dr. Merkel sehr. Denn sie hätte ganz persönlich im Oktober 2008 bei der Herstellung des Finanzmarktstabilisierungs-Gesetzes (FMStG) dafür sorgen können und müssen, solche absehbaren Boni-Zahlungen uneinsichtiger (man kann auch ungezogener sagen) Banker durch Gesetzesvorgaben verhindern können. Genau das aber ist nicht geschehen. Oder liegt das Nichtstun daran, daß der Staat an allen Bonus-Zahlungen über die Einkommenssteuer kräftig mitverdient?
15.02.2009 (khd/info-radio). Die Münchner Hypothekenbank Hypo Real Estate eigentlich ja die ‚Hypo Unreal Estate‘ ist de facto pleite. Zwar sind ihr seit dem Herbst über 100 Mrd. Euro an Garantien zugesprochen worden. Dem gegenüber steht aber derzeit nur noch ein Börsenwert dieses ‚Zocker-Ladens‘ von rund 250 Mio. Euro. Das ist ein Verhältnis von 400:1 oder mehr. Normalerweise würde die Staatsanwaltschaft längst wg. Konkursverschleppung ermitteln. Aber es ist eine für das (deutsche) Finanzsystem sehr wichtige Bank.
Inzwischen wurde auch bekannt, daß diese ‚Unreal‘ über 1 Billion Euro (1.000 Mrd. Euro) an Krediten ‚laufen‘ hat. Vermutlich sind viele davon ‚oberfaul‘. Der Staat muß also unverzüglich bei dieser Bank das Sagen übernehmen, sollen nicht riesige Volksvermögen verbrannt werden und mit dem Konkurs ein 2. Fall Lehman-Brothers mit fürchterlichem Domino-Effekt entstehen. Da aber diese Heuschrecke J. C. Flowers ausgestattet mit einer Sperrminorität bis zuletzt pokert und ihre Anteile nicht freiwillig verkaufen will, muß die Bank schleunigst nach Artikel 14 Grundgesetz enteignet werden. Das wäre auch ein erstes wichtiges Signal zum Vertreiben der für die deutsche Volkswirtschaft so schädlichen Heuschrecken.
16.02.2009 (khd/dw/d-radio). Japans Wirtschaft ist fast total abgestürzt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt brach im 4. Quartal 2008 gegenüber dem 3. Quartal um 3,3 % ein, wie die Regierung heute in Tokio mitteilte. Damit war das japanische BIP das 3. Quartal in Folge rückläufig. In Relation zum gesamten Jahr betrug das Minus 12,7 %.
Hauptgrund dafür ist der wegbrechende Export. Angesichts der Weltwirtschaftskrise ist die Nachfrage nach japanischen Autos und Elektronikprodukten drastisch zurückgegangen. Hinzu kommt der rasante Höhenflug des Yen. Das Land in Fernost rutscht damit noch tiefer in die Rezession als bislang die USA und Europa. Das ist die schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit [seit 1945], sagte dazu der japanische Minister für Wirtschafts- und Fiskalpolitik, Kaoru Yosano.
17.02.2009 (khd/info-radio). In einer neuen Analyse erwartet die Europäischen Kommission für dieses Jahr den Verlust von 3,5 Mio. Arbeitsplätzen EU-weit. Für Deutschland wird eine Zunahme von 0,5 Mio. bei den Arbeitslosen erwartet. Schon im Dezember war die Arbeitslosigkeit in den 27 EU-Staaten auf durchschnittlich 7,4 % gestiegen. In den 16 Ländern der Euro-Zone lag sie sogar bei 8,0 %.
17.02.2009 (khd/d-radio). US-Präsident Obama unterzeichnet das Gesetz zum 787 Mrd. Dollar umfassenden Konjunkturprogramm, über das es in den letzten Wochen reichlich Streit mit den konservativen Republikanern gegeben hatte. Dieser größte Konjunkturplan (624 Mrd. Euro) aller Zeiten ist seit heute in Kraft. Damit sollen innerhalb von 2 Jahren durch Infrastrukturmaßnahmen rund 3,5 Mio. Arbeitsplätze in den USA geschaffen bzw. gesichert werden. Die Wall Street allerdings zeigte sich unbeeindruckt und gab 3 % nach.
18.02.2009 (khd/d-radio). Das Bundeskabinett beschließt auf der Basis von Artikel 14 unseres Grundgesetzes ein Bankenenteignungsgesetz (Rettungsübernahme-Gesetz), mit dem im Fall der Fälle die total marode Hypo Real Estate in Staatseigentum überführt werden kann (und wieder einen vernünftigen Namen erhalten wird).
19.02.2009 (khd/mm). Der Hedgefonds Cerberus (New York) hat 2008 einen Verlust von 16 % erzielt. Viele Anleger haben bereits ihre Fonds-Einlagen abgezogen, da nie mehr Renditen zwischen 16 und 27 % zu erwarten sein werden. Die Heuschrecke Cerberus hat sich total am Kauf von Chrysler verschluckt und geht in der Weltwirtschaftskrise einer ungewissen Zukunft entgegen. [mehr]
19.02.2009 (khd/d-radio). Postbank tief in roten Zahlen: Die größte deutsche Kundenbank erwirtschaftete 2008 einen Verlust von 821 Mio. Euro. 2007 hatte die Postbank mit 856 Mio. Euro noch in etwa so viel verdient, wie sie 2008 verloren hat. Der Großteil des Verlusts fiel mit 710 Mio. Euro im 4. Quartal nach dem Lehman-Crash an. Schuld waren vor allem Belastungen aus der Finanzkrise und Einmalverluste durch den vollständigen Abbau des Aktienbestandes, die sich insgesamt auf gut 1 Mrd. Euro summierten. Auch die Postbank hat sich also verzockt Kunden sollten sich das merken.
Die Deutsche Post will sich von ihrer Banktochter trennen und tritt deshalb bald in einem 1. Schritt 22,9 % der Postbank an die Deutsche Bank ab. Im Gegenzug erhält die Post 8 % an Deutschlands größter Bank. In einem 2. Schritt will die Deutsche Bank dann die Mehrheit an der Postbank übernehmen.
19.02.2009 (khd/tsp/d-radio). Während die bislang hochgelobte Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) 2008 mit einem Verlust von etwa 2,1 Mrd. Euro abschloß (wg. der Finanzkrise, sagte die LBBW gestern wg. saudämlicher Zockerei mit Kreditderivaten sagen neutrale Beobachter), hat die Landesbank Berlin (LBB) trotz Krise 2008 einen kleinen Gewinn von 29 Mio. Euro (nach Steuern) eingefahren. Die LBB ist Nachfolgerin der Skandalbank BGB und war 2007 für rund 5,3 Mrd. Euro vom Land Berlin an die Sparkassen verkauft worden.
19.02.2009 (khd/sp). Eine positive Seite der Weltwirtschaftskrise: In diesem Jahr wird die Produktion des Treibhausgases CO2 (Kohlendioxid) um bis zu 8 % zurückgehen. Damit rechnen die Veranstalter des 4. Extrem- Wetter-Kongresses, der heute in Bremerhaven begonnen hat.
19.02.2009 (khd/cnn/d-radio). Der amerikanische Börsenindex Dow Jones stürzte heute massiv ab. Er erreichte mit 7465,95 den tiefsten Schlußstand seit dem Herbst 2002. Es wird erwartet, daß der Dow Jones in den kommenden Wochen weiter fallen wird. Auch am US-Arbeitsmarkt gab es einen Negativrekord: In der 1. Februar-Woche bezogen knapp 5 Mio. Menschen Arbeitslosenhilfe, so viele wie seit Beginn der Datenerhebung 1967 nicht. Die gesamte Krise hat also offensichtlich ein sehr viel größeres Ausmaß als Politiker uns allen erzählen. Auch der deutsche DAX fällt und nähert sich bereits der 4000-Marke. Es darf vermutet werden, daß die 2. Phase des Absturzes begonnen hat. [DAX-Prognose vom 26.10.2008]
20.02.2009 (khd/info-radio). Der Bundesrat billigt 2. Konjunkturpaket: Nach wochenlangem Tauziehen billigte der Bundesrat heute mehrheitlich das Paket gegen die weltweite Wirtschaftskrise im Umfang von rund 50 Mrd. Euro (Einzelheiten siehe in der PDF-Fassung auf Seite 8). Zusammen mit dem 1. Konjunkturpaket und anderen Hilfen summieren sich nunmehr alle deutschen Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur auf mehr als 80 Mrd. Euro.
Das Gesetz sieht Investitionen, Wirtschaftshilfen sowie Steuer- und Abgabensenkungen vor. Enthalten sind in dem Paket auch die umstrittene Abwrackprämie von 2500 Euro für Altautos und der Kinderbonus von 100 Euro. Kritiker sagen, daß das Konjunkturpaket II um Monate zu spät komme und angesichts der enormen Schuldenlast bei Banken niemals ausreichen werde, um eine schnelle Umkehr der wirtschaftlichen Lage zu bewirken. Deutschland werde sich auf weiteres Schuldenmachen einstellen müssen. [mehr]
20.02.2009 (khd/hbl). Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern Nestlé setzt in Zeiten der Konjunkturkrise auf preiswertere Produkte und will damit seinen Wachstumskurs bei Umsatz und Gewinn fortsetzen. Die Strategie, spezielle Produkte für einkommensschwächere Konsumenten anzubieten, zahle sich in der Krise aus, erläuterte Finanzchef James Singh.
21.02.2009 (khd/sp). In Irland haben heute 100.000 Menschen gegen den Umgang der irischen Regierung mit der Wirtschafts- und Finanzkrise demonstriert. Die Demonstration in Dublin wurde vom irischen Gewerkschaftsbund veranstaltet. Der Bürgerunmut richtete sich vor allem gegen Sparmaßnahmen, mit denen die konservative Regierung von Premierminister Brian Cowen den Staatsbankrott abwenden will. Die Regierung wurde aufgefordert, die Geschädigten unter den Lohnabhängigen besser zu unterstützen.
Irland verzeichnete bis vor kurzem noch das rasanteste Wirtschaftswachstum in Westeuropa. Seit Beginn der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im Herbst 2008 ist das Land jedoch in eine tiefe Rezession gerutscht. Der Fall Irland zeigt, daß in dieser außergewöhnlichen Finanzkrise Länder innerhalb von nur wenigen Monate vom Vorzeigeland Europas an den Rand des Staatsbankrotts abstürzen können. Auch Deutschland ist davor nicht gefeit. Giert doch allein die Münchner Hypo Real Estate nach 1000 Mrd. Euro an Staatsgeldern...
22.02.2009 (khd/yahoo/d-radio). In Berlin findet der Finanzgipfel der europäischen G20-Staaten statt: Wir haben heute nochmals unterstrichen, daß alle Finanzmärkte, -produkte und Marktteilnehmer lückenlos und unabhängig davon, wo sie ihren Sitz haben, einer angemessenen Aufsicht oder Regulierung unterstellt werden müssen, heißt es in der Abschlußerklärung des deutschen Vorsitzes bei der Berliner Konferenz. Als besonderen Forschritt wertete Merkel, daß man sich auch auf eine direkte Aufsicht über Hedgefonds und Rating-Agenturen, die Risiken bewerten, geeinigt habe. Sogar die Steueroasen will man nun energisch bekämpfen. Der Berlin-Gipfel diente der Vorbereitung der G20-Konferenz im April in London.
23.02.2009 (khd/hbl). Der CeBIT laufen die Aussteller davon. Die Hannover Messe hat die Krise mächtig erwischt. Die weltgrößte Computermesse CeBIT, die Anfang März in Hannover ihre Pforten öffnet, muß 2008 einen dramatischen Aussteller-Rückgang von mehr als 25 % verkraften. Das zeigt, wie skeptisch die IT-Industrie, die kaum etwas Neues zu bieten hat, die Zukunft sieht.
24.02.2009 (khd/ag/d-radio). Bundesbank-Chef Weber ermahnt die Berliner Politik, keine neuen Milliardenprogramme für die Konjunktur zu beschließen. Auch Steuersenkungen auf Pump hält er für eine sehr schlechte Idee.
24.02.2009 (khd/sp/info-radio). Die Lage der HSH Nordbank ist katastrophal. Die Landesbank für Hamburg und Schleswig-Holstein hat nach vorläufigen Zahlen für 2008 einen Verlust vor Steuern und Sanierungskosten von bis zu 2,8 Mrd. Euro eingefahren. Deshalb haben jetzt Hamburg und Schleswig-Holstein ein Rettungspaket von 13 Mrd. Euro geschnürt. 3 Mrd. Euro davon werden als Kapitalspritze gegeben, 10 Mrd. Euro als Staatsgarantie. Die HSH-Eigentümer hatten die Bank bereits 2008 mit insgesamt rund 2 Mrd. Euro gestützt.
Es gilt als ausgemacht. daß die HSH Nordbank noch wesentlich mehr Geld benötigen wird, da hier der Aufsichtsrats-Schlendrian noch größer als bei der BankGesellschaft Berlin gewesen sein soll. Damit sind die beiden Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein nun quasi bankrott und haben den Bund um Hilfe angerufen: Steinbrück muß dringend eingreifen und Bundesmittel bereitstellen, heißt es.
25.02.2009 (khd/djn/d-radio). Das Statistische Bundesamt bestätigt in 2. Veröffentlichung, daß das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) im 4. Quartal 2008 gegenüber dem Vorquartal saison- und kalenderbereinigt um 2,1 % gesunken ist. Das ist der stärkste Einbruch der deutschen Wirtschaft seit der Wiedervereinigung. Im Jahresdurchschnitt 2008 konnte aber noch ein Wachstum von 1,3 % (kalenderbereinigt: plus 1,0 %) erreicht werden. 2007 war die deutsche Wirtschaft noch um 2,5 % (plus 2,6 %) gewachsen.
25.02.2009 (khd/hb/info-radio). Die Deutsche Bank hat bereits die Sperrminorität bei der Postbank erreicht. Neben den 22,9 %, die die Deutsche Bank (DB) von der Deutschen Post gekauft hatte, hat die DB am Markt weitere Aktien aufgekauft (etwa 2,1 %), um bei der Postbank mitbestimmen zu können.
25.02.2009 (khd/d-radio). Die Deutsche Post erzielte 2008 einen Verlust von 1,7 Mrd. Euro. Als Hauptgrund dafür gilt das bereits seit Jahren defizitäre Engagement in den USA (Globalisierungsanstrengung der Post-Tochter DHL) sowie die großen Verluste bei der Post-Tochter Postbank. Die Postmanager werden für 2008 keine Boni erhalten.
Bis Ende 2010 sollen nun mindestens 1 Mrd. Euro eingespart werden, und dabei ist der Post-Service am Kunden in den letzten Jahren schon massiv abgebaut worden, wie die aktuelle Berliner Diskussion verdeutlicht. Nicht mal die simple Post-Zustellung klappt noch zuverlässig, obwohl die Preise kräftig gestiegen sind. Durch die Privatisierung der Deutschen Bundespost hat der Post-Kunde nur schwere Nachteile hinnehmen müssen (weniger Postämter, weniger Briefkästen, seltenere Briefkastenleerung, unzuverlässige Post-Zustellung usw. usf.).
25.02.2009 (khd/sp/tsp/dw/d-radio). Beim politischen Aschermittwoch gab sich CSU-Chef Horst Seehofer heute in Passau populistisch und gab raffgierigen Managern die Schuld an der Wirtschaftskrise. Als Verbraucherminister in Berlin war er hingegen immer wieder durch seine Lobbyisten-Hörigkeit und damit durch wenig verbraucherfreundliche Entscheidungen (Stichworte: Verbraucherinformationsgesetz, Ampel-Kennzeichnung von Nahrungsmitteln) aufgefallen. Seehofer betonte zugleich, die CSU sei die Hüterin der sozialen Marktwirtschaft und sagte, nicht diese sei gescheitert, sondern der Spekulationskapitalismus. Er verstehe nicht, daß einer [Kaiser’s/Tengelmann-] Kassiererin [mit 31-jähriger Betriebszugehörigkeit] nach Urteil eines Landesarbeitsgerichts wegen [unbewiesener!] Veruntreuung von 1,30 Euro gekündigt werden dürfe, aber Manager, die Milliarden veruntreut haben, immer noch im Amt sind, sagte Seehofer in Passau.
Dieses Urteil wurde am 24. Februar 2009 in Berlin gesprochen nicht etwa 1909. Noch im Gerichtssaal rief ein Zuschauer nach der Urteilsverkündung das böse Wort Klassenjustiz (Tagesspiegel vom 25.2.2009, Seite 9), obwohl das Gericht sein Urteil zur Verdachts-Kündigung mit der Erwartung eines Arbeitgebers der absoluten Zuverlässigkeit und Korrektheit begründete. Eine solche aber haben deutsche Bürger auch an die Justiz und daran hapert’s. Insofern könnte die Vorsitzende Arbeitsrichterin Daniele Reber Geschichte gemacht haben. Denn dieses Urteil dürfte angesichts aufgestauter gesellschaftlicher Ungereimtheiten en masse noch reichlich politische Reaktionen hervorrufen.
Schon beim Berliner Bankenskandal wurde deutlich, daß sich die Justiz mit dem obskuren Agieren von Bankmanagern und Aufsichtsräten sehr schwer tat. Und seit dem Lehman-Crash (15.9.2008) ist es noch nirgends zu einer Anklage gekommen, obwohl das bislang öffentlich Bekannte in manchen Fällen wie bei der SachsenLB, BayernLB, Hypo Real Estate und HSH NordLB ausreichen dürfte, Bankmanager in den Gerichtssaal vorzuladen. Heribert Prantl ahnte das bereits in der SZ vom 3. Dezember 2008, als er von der Krise des Strafrechts sprach und zu dessen Zukunft feststellte: Ist es ein Recht für und gegen alle? Oder ist es ein Recht nur gegen die Unter- und Mittelklasse? Ein Recht, das sich in der gesellschaftlichen Stratosphäre auflöst, verdient diesen Namen nicht. [mehr]
25.02.2009 (khd/sp/d-radio). Beim politischen Aschermittwoch gab sich Linken-Chef Lafontaine heute im saarländischen Wallerfangen kämpferisch. Er sieht in der Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine Chance zur Neuverteilung von Vermögen und für mehr Demokratie in den Betrieben. Durch die ungleiche Vermögens- und Einkommens-Verteilung in Deutschland sei die Grundlage für das Verzocken von Milliarden gelegt worden. Nur eine starke Linke könne dafür sorgen, daß die Verursacher zur Kasse gebeten würden und nicht Arbeitnehmer, Rentner und sozial Bedürftige die Zeche zahlen müßten. Die Sorgen der Großen Koalition in Berlin vor einer Inflation seien unbegründet, sagte der ex-Bundesfinanzminister. Vielmehr bestehe die Gefahr einer Deflation.
26.02.2009 (khd/foc/d-radio). Ex-Manager der maroden Hypo Real Estate (HRE) sind vor Gericht gezogen und wollen Geld. Ex-Vorstandschef Georg Funke will die Zahlung von rund 150.000 Euro bei Gericht durchsetzen, und Ex-Vorstand Frank Lamby fordert 37.500 Euro. Der frühere Finanz-Vorstand Markus Fell klagt gegen seine fristlose Kündigung durch die Bank. Beim DSW schüttelt man nur den Kopf, und sagte heute: Diesen Bankernieten fehlt offensichtlich jegliche Spur von Anstand und Moral. Immerhin sei unter ihrer Führung die HRE in eine Existenzkrise riesigen Ausmaßes gesteuert worden, die zudem noch via Deutschen Pfandbriefen die gesamte deutsche Volkswirtschaft bedroht. Insgesamt hat die HRE bislang 102 Mrd. Euro an Garantien und Kapital erhalten. Funke verdiente 2007 knapp 1,9 Mio. Euro.
26.02.2009 (khd/d-radio). Die von der Commerzbank übernommene einst so noble Dresdner Bank hat 2008 einen Verlust von 6,3 Mrd. Euro verbucht. Die Bank sei massiv durch die Finanzkrise belastet worden [in Klartext: hat sich verzockt!], teilte heute der Vorstand auf Basis vorläufiger Zahlen in Frankfurt mit. Der Verkauf der Dresdner Bank hat auch Europas größten Versicherungskonzern Allianz heftig getroffen. Der Konzern hat einen Verlust von 2,4 Mrd. Euro eingefahren.
26.02.2009 (khd/sp). Al-Qaida äußert sich in einer Video-Botschaft zur Finanzkrise. In der teils wirren Propagandarede wird die weltweite Krise als göttliche Strafe dargestellt. Denn Erlösung biete allein ein Wirtschaftssystem auf der Grundlage des Korans, heißt es. So ist im Islam etwa der Handel mit nicht-realen Gütern oder das Berechnen von Zinsen verboten. Bei jedem Geschäft müssen reale Werte gehandelt werden (‚Islamic Banking‘).
27.02.2009 (khd/ftd/d-radio). Auch Skandinavien ging Ende 2008 in die Rezession. In Schweden sank das BIP im 4. Quartal 2008 verglichen mit dem 3. Quartal um 2,4 %, auf Jahressicht lag das Minus sogar bei 4,9 %. Die dänische Wirtschaft schrumpfte verglichen mit dem Vorjahr um 3,9 %. Für das Gesamtjahr bedeutet das ein Minus von 1,3 %. In Finnland gab die Wirtschaftsleistung zum Jahresende mit 1,3 % so stark nach wie seit 16 Jahren nicht mehr. Verglichen mit dem 4. Quartal 2007 lag das Minus sogar bei 2,4 %. Norwegen ist bislang das einzige Land Skandinaviens, in dem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch nicht seit mindestens 2 aufeinanderfolgenden Quartalen zurückging.
27.02.2009 (khd/hbl/d-radio). Die USA-Wirtschaft stürzt noch tiefer ab als gedacht: Das BIP sank im 4. Quartal um 6,2 % (auf das Jahr hochgerechnet), was der stärkste Rückgang seit 1982 ist. Erwartet waren nur 5,4 %, da die US-Wirtschaft im 3. Quartal nur um 0,5 % geschrumpft war. Es wird trotz des 800-Milliarden-Konjunkturprogramms keine schnelle Erholung erwartet. Zum Vergleich: Auf das Jahr hochgerechnet brach das BIP zum Jahresende in Japan um 13 %, in Deutschland um 8,4 % ein.
27.02.2009 (khd/ftd/d-radio). Die einst weltgrößte Bank Citigroup wird künftig von der US-Regierung kontrolliert. Durch eine Umwandlung von Vorzugsaktien im Werte von 25 Mrd. Dollar in Stammaktien erhöht sich die amerikanische Staatsbeteiligung auf 36 %. Ohne diese wäre die Citigroup nicht mehr überlebensfähig gewesen.
02.03.2009 (khd/wsj/ft/wdr). Die amerikanische Versicherungsgesellschaft AIG ist de facto pleite. Im 4. Quartal 2008 fuhr sie einen Rekord-Verlust von 60 Mrd. Dollar ein. Insgesamt betrug der Verlust 2008 über 100 Mrd. Dollar. Da es aber eine systemische Versicherung ist, darf sie nicht pleite gehen. Deshalb erhält sie noch einmal vom US-Staat eine Kapitalspritze von 30 Mrd. Dollar, was vermutlich auch noch nicht ausreichen wird. Insgesamt hat AIG damit rund 180 Mrd. Dollar an staatlichen Geldern erhalten, ohne daß es bislang eine große Wirkung zeigte. Ein Zusammenbruch des einst weltgrößten Versicherungskonzerns würde aber für eine Katastrophe an den internationale Finanzmärkten führen. Seit Herbst 2008 hält der US-Staat bereits rund 80 % an der AIG-Holdinggesellschaft.
Dieser außergewöhnliche Fall zeigt aber auch, daß wir nicht nur eine globale Finanzkrise, eine universelle Bankenkrise (mit Kreditklemmen) und eine Weltwirtschaftskrise haben, sondern vor allem der Kapitalismus westlicher Prägung derart in der Krise steckt, daß alle ‚normalen‘ Mittel nicht reichen werden, um die Volkswirtschaften allerorten wieder auf eine vernünftige Basis zu stellen.
Es muß etwas sehr grundsätzlich am System geändert werden die System-Frage gestellt werden. Und sozialistische Planwirtschaft kann aber nicht die Antwort sein, denn diese hat bekanntlich kläglich versagt und auch Unheil über Menschen gebracht. Es muß also schleunigst nach einem 3. rationalen Weg gesucht werden, bei dem der Handel mit non-realen ‚Werten‘ keine Rolle mehr spielt. Nur haben das noch immer nicht alle kapiert. [mehr]
03.03.2009 (khd/yahoo/d-radio). Nach Einschätzung des Deutschen Richterbundes sind die deutschen Strafgerichte nicht in der Lage, die juristische Aufarbeitung der Finanzkrise in einer überschaubarer Zeit zu bewältigen. Durch die Finanzkrise kommt eine Welle extrem aufwendiger Strafverfahren auf die Justiz zu, sagte der Vorsitzende des Richterbunds, Christoph Frank, der Neuen Osnabrücker Zeitung (3.3.2009). Wenn die juristische Aufarbeitung effektiv bewältigt werden solle, bedürfe es deutlich mehr Spezialisten für Wirtschaftskriminalität in Staatsanwaltschaften und Gerichten. Hm, und warum gibt es die nicht schon längst?
04.03.2009 (khd/hbl). Erst jetzt ist der Bundesregierung aufgefallen, daß Krisenbanken mit hohen Verlusten, die bereits staatliche Gelder erhalten haben, an stille Teilhaber für 2008 Gelder ausgeschüttet haben. Sie wollten ihre Investoren bei Laune halten. Insgesamt sollen Beträge in dreistelliger Millionenhöhe geflossen sein. Nun soll dagegen durchgegriffen werden. Künftig soll die Finanzaufsichtsbehörde BAFin die Ausschüttungen aller Eigenmittelbestandteile verbieten können, die am Verlust teilnehmen, heißt es in einem Schreiben des Bundesfinanzministers an den Finanzausschuß.
05.03.2009 (khd/d-radio). Die Europäische Zentralbank (EZB) senkt den Leitzins auf 1,5 % und kündigt weitere Zinssenkungen an, wenn das notwendig werden sollte. Aber irgendwie kommen diese starken Zinssenkungen beim Privatkunden nicht an. So verlangt beispielsweise die Postbank noch Ende Februar 2009 für eine (geduldete) Konto-Überziehung 18,25 % gut das 12-fache! Das ist Wucher! Ein weiteres Beispiel für ein total zerrüttetes Finanzsystem, in dem der Wettbewerb nicht mehr funktioniert und der Endkunde geschröpft werden soll. [mehr]
07.03.2009 (khd/hbl). Großbritannien erhöht seine Beteiligung an der angeschlagenen Großbank Lloyds auf bis zu 77 %. Außerdem übernimmt der Staat 90 % der Wertverluste, die bei (obskuren) Wertpapieren anfallen. Damit wurden Risiko-Papiere im Nennwert von 290 Mrd. Euro abgesichert. Bei der Konkurrenz Royal Bank of Scotland hat die britische Regierung bereits Papiere im Nennwert von 362 Mrd. Euro versichert, um die Kreditvergabe wieder anzukurbeln.
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Finanzkrise 2007-2008
In Wikipedia, der
freien Enzyklopädie.
W E L T W I R T S C H A F T S K R I S EDer Kapitalismus ruiniert sich selbst
Von wegen Sozialismus! Nicht die Vermögen, die Schulden der Banken werden sozialisiert. Der Staat pumpt Steuergelder von morgen in ein kaputtes System. Das ist die eigentliche Krise.
Aus: taz, Berlin, 18. Februar 2009, Seite ?? (Dossier Finanzkrise). Die Zwischentitel wurden in dieser Dokumentation der besseren Lesbarkeit wegen redaktionell zugefügt. [Original]
"Ein Gespenst geht um in Europa das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten. Wo ist die Oppositionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als kommunistisch verschrien worden wäre, wo die Oppositionspartei, die den fortgeschritteneren Oppositionsleuten sowohl wie ihren reaktionären Gegnern den brandmarkenden Vorwurf des Kommunismus nicht zurückgeschleudert hätte?"S o schreiben Friedrich Engels und der neuerdings wieder viel zitierte Karl Marx im Vorwort zum "Kommunistischen Manifest" über das Gespenst ihrer Zeit, den Zusammenschluss der Arbeiter, dessen Erfolg er sich erhoffte. Das Gespenst von heute ist die sogenannte Finanzkrise.
Das Gespenst von heute ist die Finanzkrises
Im Gegensatz zu Marx Gespenst von damals ängstigt es vor allem die Arbeiter und Angestellten, und erst recht die, die am Rande der Gesellschaft leben, hier oder in der Dritten Welt. Denn ihnen droht, so heißt es, Arbeitslosigkeit, Konsumverzicht und das Ende jeder Gesundheits- und Sozialpolitik. Auch wenn die Medien beharrlich über die Folgen schweigen den Steuerzahlern dämmert allmählich, dass sie auf Jahrzehnte hinaus die unglaublichen Gelder werden abtragen müssen, die der Staat in das marode Bankensystem pumpt. Längst nicht so sehr ängstigt die Krise die Kapitalisten und Couponschneider, die Heuschrecken und Finanzierungsgenies, obwohl doch sie es waren, die zahlreiche Volkswirtschaften in den Ruin getrieben haben. Die die hart erarbeiteten Überschüsse der Völker der Welt in sinnlosen Spekulationen verbrannt und in irrwitzige Boni für sich selbst verwandelt haben. Das Übernachten unter der Brücke, die Teilnahme an einer Fernsehshow "Wie überlebe ich als Obdachloser in der Großstadt" ist für sie nicht vorgesehen.
Noch immer keine belastbare Analyse
Das Verstörende an dieser Krise ist, dass sie bisher vor allem an den riesigen Geldbeträgen erkennbar wird, über die die Regierungen ganz plötzlich zu verfügen meinen und die die Krise eigentlich eindämmen sollen. Niemand weiß, was genau die Bedrohung ist, und erst recht nicht, welche Dimension und welches Ausmaß sie hat eine tragfähige Analyse gibt es ebenso wenig wie eine begründete Strategie. Ist die Krise vielleicht vor allem ein Alibi dafür, Leute zu entlassen, Lohnforderungen abzublocken und Fehlspekulationen mit Steuergeldern auszugleichen? Sind vielleicht gar die gigantischen Rettungsmaßnahmen selbst die eigentliche Krise? Die Finanzberater empfehlen jedenfalls bereits wieder, Aktien und insbesondere Bankaktien zu kaufen [Ed: wo doch seit dem Herbst völlig klar ist, daß es einen 2. Kurssturz geben wird], und auch das Karussell der Leerverkäufe hat wieder eingesetzt das ideale Mittel, um aus den Verlusten anderer Kapital zu schlagen.
Jetzt eine Krise des Kapitalismus
Die Krise soll entstanden sein, weil Grundstückskäufer ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Warum aber, so eine der Fragen, über die Medien und Regierung hinweggehen, warum werden dann die Banken mit Geld gefüttert und nicht die Familien und Haushalte, die ihre Kreditzinsen nicht mehr bezahlen können? Dann bekäme das Banksystem Geld, und zugleich würden Eltern und Kinder nicht aus ihren Häusern gejagt.Vermutlich würde dann allerdings deutlich werden, dass die sogenannten faulen Kredite nicht mehr als ein kleiner Auslöser der Krise waren. Es waren ja auch nicht die Kunden von Ratiopharm, die die Merckle-Gruppe in die Schieflage gebracht haben. Es waren vielmehr die gigantischen Spekulationen mit VW-Aktien, für die Merckle bezahlen musste und an denen vor allem Porsche verdient hat. Die Krise, wenn es denn eine ist, ist das Resultat von Spekulation und Gier, von Gewinnsucht und Maßlosigkeit, von überzogenen Marketingmaßnahmen und Überredung, von Betrug und Kasinokapitalismus. Wenn es eine Krise ist, dann war es vielleicht zunächst eine der Banken, jetzt ist es eine des Kapitalismus.
Misstrauen aller gegen alle
Denn wenn die Banken jetzt kein Geld mehr verleihen, obwohl sie könnten, ist das das Ergebnis eines Lernprozesses. Sie haben verstanden: Wenn im Kapitalismus jemand freundlich zu dir ist, pass auf deine Brieftasche auf. Die Ostdeutschen mussten diese bittere Lektion nach der deutsch-deutschen Vereinigung lernen. Wer dir einen Kredit anbietet, will vor allem deine Zinsen, auch wenn du bankrottgehst. Wer dir Wertpapiere verkauft, legt dich rein, selbst wenn das von Bank zu Bank stattfindet. Vertrauenskrise? Nein. Die Angst vor dem andern ist im konsequenten Kapitalismus angelegt, und sie ist jetzt in seinem Zentrum, dem Bankensystem, angekommen. Das Misstrauen der Banken gegen ihre Kunden und das Misstrauen der Kunden gegen die Banken ist ein strukturell begründetes Misstrauen aller gegen alle, auch gegen die gültigen Gesetze und Regeln. Deswegen ist die Krise eine Krise des Kapitalismus.Dieses Misstrauen kann der Staat mit noch so vielen Milliarden nicht beseitigen. Dass er es versucht, wirft allerdings weitere Fragen auf. Deutschland hat ein funktionierendes staatliches Bankensystem. Es besteht flächendeckend und auf allen Ebenen aus kommunalen Sparkassen, staatlichen Landesbanken, der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Wenn es darum ginge, die "freie Wirtschaft" mit Krediten zu versorgen, wäre dies darüber gut zu organisieren. Die staatlichen Banken müssten natürlich viel besser kontrolliert werden als bisher vielleicht nicht von Politikern, sondern von Sparkunden. Warum muss der Staat dann die Privatbanken retten? Warum sollen die, die den Markt immer vergöttert haben, jetzt nicht mit diesem Markt glücklich untergehen dürfen?
Steuern der nächsten Generationen verbraten
Statt die Steuermittel gezielt und sinnvoll einzusetzen, transferiert die Regierung lieber die Steuern der nächsten Generationen in das marode private Bankensystem von heute. Im Namen der Marktwirtschaft wird so die Marktwirtschaft ruiniert. Statt der Vermögen der Banker werden die Verluste der Banken verstaatlicht und dadurch erst sozialisiert und den Steuerzahlern aufgebürdet. Dafür wird der Staat dann auch noch kritisiert. Nicht weil er kein Geld mehr haben wird für Umwelt, Infrastruktur, soziale Gerechtigkeit oder Bildung, sondern dafür, dass er für sein Geld ein wenig Kontrolle will und die aberwitzigen Gehälter zu begrenzen versucht. Aus Sicht der Wirtschaft: unverschämt und undankbar.
Medien halten Bürger bei Laune
Das machen uns Tag für Tag die Medien klar. Sie berichten, was Bundeskanzlerin Merkel den Chefredakteuren und Verlagsdirektoren schon bei einem eigens einberufenen Treffen im vergangenen Oktober vorgesagt hat. Sie halten die Bürger bei Laune, auf dass diese stillhalten. Wie viel Geld bereits in die Banken gepumpt wurde, wie viele Milliarden Bürgschaftszusagen vergeben wurden (und wie viele Hartz-IV-Monats"löhne" das sind), das steht auch nicht in der Zeitung. Die Süddeutsche (vom 15.1.) beispielsweise versteckt die Mitteilung, dass die Hypo Real Estate zum 4. Mal in 4 Monaten Milliarden Bargeld und Bürgschaften braucht, unter der Überschrift "Wenn Steinbrück an die Tür klopft". Sorgen macht man sich hier nur um die Frage, ob der Staat nicht zu mächtig wird. Gewiss, eine wichtige Frage, aber wohl kaum die derzeit wichtigste. Während die Banker die Staatsknete abzocken, wird die Diskussion über den Missbrauch wirtschaftlicher Macht zu einer Diskussion darüber, ob der Staat denn nun Schulden machen darf oder nicht unabhängig davon, wofür er sie macht.
Bankensystem hat sich selbst ruiniert
Was also ist die Krise? Das Bankensystem hat sich selbst ruiniert, aber nicht weil es die Regeln des Kapitalismus verletzt hat, sondern weil es sie konsequent befolgt hat: Ziel war und ist nichts als Gewinn, soziale Verantwortung oder Ethik hin oder her. Ebenso wie der Staatssozialismus an sich selbst erstickt ist, haben sich die Banken damit in einem Meer von Geld selbst ertränkt und sich gegenseitig in die Pleite getrieben. Im Unterschied zum Staatssozialismus haben die Banken aber einen Weg gefunden, das Ende des Kapitalismus noch einmal in ein neues Aufblühen zu verwandeln. Denn zusammen mit den Medien sorgen sie dafür, dass sich die Struktur des Wirtschaftssystems nicht ändert, aber der Staat die Kosten trägt. Wie lange? Bis auch er pleite ist.
Schere zwischen Arm und Reich immer weiter geöffnet
Damit fügt sich die derzeitige Bankenkrise aber in eine ganz andere Entwicklung ein. In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil aus Vermögen und Unternehmertätigkeit am Bruttosozialprodukt kontinuierlich gestiegen, in der Bundesrepublik wie im Rest der Welt. Der entfesselte Kapitalismus hat getan, wofür er da ist, nämlich die Kapitalrenditen immer stärker in die Höhe getrieben und so die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter geöffnet. Der Anteil der Kapitalerträge am Volkseinkommen kann aber rein logisch nicht immer weiter wachsen: Wenn das, was Arbeiter und Angestellte vom Bruttosozialprodukt bekommen, zum Leben immer größerer Teile der Bevölkerung und zur Legitimation nicht mehr ausreicht, dann können die Gewinne nur noch zunehmen, wenn der Staat seine Steuergelder an die Banken und Unternehmen transferiert. Genau das erzwingt und legitimiert die derzeitige "Vertrauenskrise".
Krise wird zur Rettung der Renditen
Erhalt der Arbeitsplätze und der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt, das waren und sind die Argumente, warum Lohnforderungen nicht erfüllt und Arbeitsschutzregeln abgebaut werden. Jetzt sind es auch Argumente, warum der Staat die Schulden der Banken übernehmen muss. Von der Auto- bis zur Pornoindustrie, von den Herstellern von Armaturen bis hin zu denen von Spielzeugeisenbahnen fordern alle unter heftigen Drohungen Unterstützung. Peinlich, dass die deutschen Banken diese Gelder bevorzugt dazu verwenden, um andere Banken zu kaufen: die Deutsche die Postbank, die Commerzbank die Dresdner. Peinlich, dass die HSH-Nordbank ihren privaten Eigentümern Renditen ausschüttet, nachdem sie Staatshilfen erhalten hat. Peinlich, dass die Boni für Mitarbeiter einklagbar sind, selbst wenn die Bank pleitegeht. Insgesamt wird die Krise so aber zu einer Rettung der Renditen, zur Reparatur der Krise des Kapitalismus.
Heilige Hetzjagd auf das Gespenst
s Ein Gespenst geht um in Europa und in der Welt das Gespenst einer Banken- und Finanzkrise ungeheuren Ausmaßes. Alle M&sauml;chte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd auf dieses Gespenst verbündet der Papst und die Zaren in Moskau, Merkel und Sarkozy, französische Radikale und deutsche Ordnungshüter, und auch die Herrscher in den asiatischen Ländern äußern Besorgnis darüber, was mit ihren Billionen Dollar wohl geschehen wird. Alle sind sich einig, dass dieses Gespenst unerbittlich bekämpft werden muss und dass alle Bürgerinnen und Bürger, vom reichen Banker bis hin zur letzten Putzfrau, dafür unvorstellbare Opfer zu bringen haben.Jene allerdings, die dieses Gespenst erst geschaffen haben, kooperieren jetzt mit ihm, die Aktienbesitzer und Banker, die Spekulanten und Vorstände. Sie verdienen bereits wieder an Spekulationen und billig erworbenen Aktien. Sie wissen, dass ihre Zukunft gesichert ist. Denn sie haben mit ihrer Pleite am Ende einer grandiosen Abzocke das erreicht, was Kapitalisten bei Strafe ihres Untergangs erreichen müssen: Sie haben großartige Renditen erzielt und überlassen jetzt dem Staat ihre Schulden, verlangen dafür aber nach wie vor Zinsen ein Kapitalismus ohne Kapital, der von den Zinsen vergangener Geschäfte lebt.
Bürger sollen stillhalten...
Die normalen Bankkunden, Bürgerinnen und Bürger, also jene, die die Zeche zahlen müssen, sie bleiben einmal mehr geduldig. Politiker, Banker und Medien gemeinsam appellieren an ihr Verantwortungsbewusstsein: "Wir haben euer Wirtschaftssystem ruiniert, und jetzt wollen wir noch die zukünftigen Generationen darauf verpflichten, jahrzehntelang Schulden dafür abzubezahlen. So lange haltet bitte noch still, bis wir das gesichert haben."
...bis Berlin das Neo-Liberale wieder im Griff hat
Die Banken und Spekulanten wissen, was sie wollen. Die Bundesregierung modifiziert ihr neoliberales Denken nur wenig und zielt auf geringfügige, aber teure Reparaturen, bedient ihre Klientel und verbeugt sich vor der Lobby. Eine umfassende Analyse nimmt sie ebenso wenig vor wie das Entwickeln einer haltbaren Strategie. Auch die Zivilgesellschaft schweigt bisher, um Orientierung bemüht in einer unübersichtlichen Lage. Noch haben auch die Bürger, zumindest in Deutschland, Vertrauen und glauben den Versprechen der Ackermänner, obwohl sich deren Ansagen immer wieder als falsche Zusagen oder Prahlerei entlarven.
W E L T W I R T S C H A F T S K R I S EAuf Gedeih und Verderb
Noch ist eine wirtschaftliche "große Depression" vermeidbar: Die Kapitalmärkte müssen endlich global kontrolliert werden und es muss einen Vermögensschnitt geben. Das mag utopisch klingen, aber es ist nicht unmöglich.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 22. Februar 2009, Seite 8 (Meinung) von HARALD SCHUMANN. [Original]W enn amerikanische Geheimdienstexperten ihre Analysen zur nationalen Sicherheit vorstellen, dann geht es gemeinhin um Terrorismus oder die Konfliktherde im Nahen Osten. Doch als Dennis Blair, der neue Geheimdienstchef der Obama-Regierung, vergangene Woche dem US-Senat seinen Lagebericht vortrug, schlug er einen gänzlich neuen Ton an. Die größte Bedrohung, erklärte der frühere Marineadmiral, seien nicht Al Qaida oder der Iran, sondern "die globale Wirtschaftskrise und ihre geopolitischen Konsequenzen". Schon in einem Viertel aller Staaten der Welt habe die Rezession politische Instabilität erzeugt. Zudem drohe "eine Welle von zerstörerischem Protektionismus", wenn Regierungen ihre Volkswirtschaft schützen wollen. Zu befürchten sei eine "große Depression", warnte Blair und erinnerte im selben Atemzug an die "dramatischen politischen Konsequenzen infolge des wirtschaftlichen Aufruhrs in den 30er Jahren in Europa, die Instabilität und das hohe Niveau an gewalttätigem Extremismus".
Ganz ähnlich klingen die Alarmrufe des britischen Regierungschefs Gordon Brown. Es drohe eine "zerstörerische Spirale der Deglobalisierung" mahnte er, wenn es nicht gelinge, die Krisenbekämpfung besser global zu koordinieren. Ed Balls, Browns langjähriger Berater im Finanzministerium, meinte gar, die Lage sei "extremer als jene in den 30ern, und wir alle wissen, wie das damals die Politik bestimmt hat".
Destabilisierung, Extremismus, Gewalt bringt die Implosion der aufgeblähten Finanzindustrie einen Rückfall in die nationalistische Wirtschaftspolitik der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts? Ist der weltweite wirtschaftliche Absturz der Anfang vom Ende der Globalisierung?
Protektionismus ist keine politische Option
Derlei Warnungen erscheinen auf den ersten Blick maßlos übertrieben. Schließlich ist die Weltwirtschaft integriert wie nie zuvor. Schon ein Viertel aller hergestellten Waren und Dienstleistungen wird grenzüberschreitend gehandelt, gut dreimal so viel wie einst in der Zwischenkriegszeit. Und während es damals allenfalls ein paar hundert echte Weltkonzerne gab, betreiben heute an die 80.000 transnationale Unternehmen mit einer Dreiviertelmillion Tochtergesellschaften Produktions- und Vertriebsnetze über alle Kontinente hinweg. Wie weit die Verflechtung geht, zeigt das Beispiel der 30 Konzerne des Deutschen Aktienindex (Dax). Dort fällt die Nationalität der Eigentümer und ihres Besitzes zusehends auseinander. Im Durchschnitt liegen die Aktien zu mehr als der Hälfte in ausländischer Hand. Gleichzeitig generieren die Dax-Konzerne zwei Drittel ihrer Wertschöpfung wiederum im Ausland.All das schweißt die großen Wirtschaftsnationen einschließlich der Schwellenländer in Asien und Lateinamerika auf Gedeih und Verderb zusammen. Eine Renationalisierung der Volkswirtschaften, die dieses Geflecht zerreißen würde, können sich gerade die reichen Nationen im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr leisten. Aller Wohlstand würde sich mindestens halbieren, wenn die Kostenvorteile der weltweiten Arbeitsteilung verloren gingen. Kein Präsident, Premierminister oder Kanzler würde denn auch diesen Umstand leugnen. Ein ums andere Mal versicherten die Regierenden aller Regionen in den vergangenen Monaten, dass sie nicht gegen "die Grundsätze des freien Marktes und des offenen Handels" verstoßen wollen, wie es etwa im Communiqué des Finanzgipfels in Washington im vergangenen November hieß. Protektionismus, so klingt es von allen Gipfeln, ist keine politische Option und Kooperation das Gebot der Stunde.
Doch der Schein trügt. Denn mögen die wirtschaftlichen Abhängigkeiten auch stark sein, die politischen Fliehkräfte infolge der eskalierenden Krise könnten alsbald noch weit stärker werden. Nun rächt sich, dass die Regierungen der Wohlstandsnationen die Gestaltung der Globalisierung ausschließlich an den Interessen der Investoren und Manager in Konzernen und Finanzindustrie ausgerichtet haben. Deregulierung und Liberalisierung ermöglichten zwar den Aufbau von weltumspannenden Konzernimperien. Aber gleichzeitig blieb das Regieren im nationalen Korsett gefangen, die Globalisierung der Politik fand nicht statt.
Darum fehlt es jetzt an Institutionen und vertraglich gesicherten internationalen Strukturen, mit denen der Amoklauf der Akteure an den Kapitalmärkten gestoppt und die zwingend notwendige Schrumpfung des Finanzsektors in erträgliche Bahnen gelenkt werden könnte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank, die eigentlich diese Funktion übernehmen müssten, sind hoffnungslos veraltet und konservieren bis heute die Strukturen der Nachkriegszeit. Im IWF-Direktorium etwa kommen Belgien, Dänemark und Österreich gemeinsam auf mehr Stimmen als der Milliardenstaat China. Dessen 2 Billionen Dollar schwerer Devisenschatz würde dringend benötigt, um die von der Krise extrem hart getroffenen Entwicklungsländer zu stabilisieren. Aber dafür der Fonds völlig neu aufgestellt werden.
So blieb der Bezugsrahmen für die Politik national beschränkt. National werden die Steuern erhoben und national müssen sich die Regierenden für ihre Krisenbekämpfung legitimieren. Mit jedem Tag wächst daher die Gefahr, dass sie sich unter dem Druck ihrer von wirtschaftlicher Not gepeinigten Bürger in Handelskonflikte und Subventionswettläufe verstricken und so die Lage nur noch verschlimmern. Schon haben die Regierungen Russlands, Südkoreas und Indiens ihre Zölle angehoben, obwohl sie beim Finanzgipfel noch das Gegenteil versprochen hatten. Der US-Kongress verknüpfte sein Konjunkturprogramm mit einer "Buy American"-Klausel, wonach die geplanten Staatsinvestitionen vornehmlich amerikanischen Firmen zugutekommen sollen. Genauso wollen es Frankreich und Schweden mit den Subventionen für die Autoindustrie halten.
Und alle Bankenrettungsprogramme haben das gemeinsame Merkmal, dass sie auf die Verbesserung der Kreditbedingungen für die jeweils heimischen Unternehmen zielen. Das aber benachteiligt systematisch alle Staaten außerhalb der Dollar- und Euro-Zone, die sich mangels Zugang zu den Kapitalmärkten dieser beiden Fluchtwährungen nicht weiter verschulden können. Russland und den meisten Staaten in Ost- und Mitteleuropa sowie Zentralasien droht nun ein Verfall ihrer Währungen und ein Zusammenbruch ihrer Finanzsysteme, der wiederum bei den dort engagierten Banken aus Europa, USA und Japan noch tiefere Löcher in die Bilanzen reißen wird. Schon musste etwa die Schweiz vorsorglich bei der EZB um mögliche Kredite anfragen, weil sie mit der Stützung ihrer Großbanken UBS und Credit Suisse überfordert ist.
U r m i s s t r a u e n
Die US-Wirtschaft schrumpft, der Dax ist auf einem neuen Jahrestief: Die schlechten Nachrichten häufen sich. Doch wir sind nicht mitten in der Krise, wir befinden uns am Anfang.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 28. Februar 2009, Seite 8 (Meinung). [Original]D ie sich überschlagenden Nachrichten lassen sich nur schwer in ein adäquates Gefühl übersetzen. Sorge? Angst? Panik? Allein gestern: Die US-Wirtschaft ist zum Jahresende um dramatische 6,2 Prozent geschrumpft; die einst weltgrößte Bank Citigroup wird künftig von der US-Regierung kontrolliert; die internationale Gemeinschaft pumpt 25 Milliarden Euro in die krisengeschüttelten Länder Mittel- und Osteuropas (einige sagen, mehr als 275 Milliarden Euro sind nötig, und der "Economist" orakelt: "Diese Rechnung kann Europa auseinanderbrechen lassen"); der Dax fällt auf ein neues Jahrestief.
Und sonst? In China, Russland und Südafrika explodiert die Arbeitslosigkeit; allein in China sind nach EU-Schätzungen 40 Millionen Wanderarbeiter ohne Beschäftigung; in Russland erhält ein Arbeitsloser rund 100 Euro im Monat, die Regierung rüstet sich bereits für Massenproteste. Was aus all diesen Daten folgt, weiß keiner. Doch man braucht nicht besonders apokalyptisch veranlagt zu sein, um zu spüren: Die wahre Krise kommt erst noch. Wir stecken nicht mittendrin, sondern befinden uns erst am Anfang einer auch sicherheitspolitisch höchst gefährlichen Entwicklung. Ein Urvertrauen ist erschüttert, nicht allein in "die Märkte" oder "das System", sondern in die Beherrschbarkeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse.
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