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G L O B A L E F I N A N Z K R I S EDas Ende einer Ära
Die Hasardeure der Wall Street haben nicht nur Banken verspielt, sondern auch Amerikas kostbarstes Privileg die Leitwährung Dollar. Der Euro, der Yen und vielleicht sogar der chinesische Yuan werden bald seinen Platz einnehmen.
Aus: Der Tagesspiegel, Berlin, 21. September 2008, Seite 10 (Meinung) von HARALD SCHUMANN. Begleitet wird dieser Artikel in der Print-Ausgabe von einer großen Stuttmann-Karikatur, in der in die Twin-Towers, die als stilisiertes Dollarsymbol dargestellt sind, jede Menge Flugzeuge mit der Aufschrift Bank hineinfliegen. [Original]Es war im Oktober 2007, da verkündete Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank und Vorsitzender des globalen Bankenverbandes "Institute of International Finance" in Washington eine frohe Botschaft: Der Verlauf der Krise, die aus dem weltweiten Handel mit faulen Hypothekenpapieren entstanden war, habe gezeigt, dass die meisten Institute seines Gewerbes "fundamental stark" seien. Auch das Weltfinanzsystem sei "fundamental gesund", befand Europas führender Banker und warnte vor einer "Überreaktion" der Aufsichtsbehörden. Der Staat, so lautete die kaum verhohlene Forderung, solle sich doch besser raushalten aus der Krisenbekämpfung. [Ein offener Brief an Josef Ackermann]
Der Irrtum hätte nicht größer sein können. Elf Monate nach Ackermanns fundamentaler Fehleinschätzung steckt die Weltwirtschaft in der schlimmsten Finanzkrise seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Von den 5 großen, vordem unabhängigen Investmentbanken der Wall Street sind nur noch 2 übrig, und auch deren Zukunft ist ungewiss. Die US-Regierung musste die beiden größten Hypothekenbanken des Landes und den ehedem weltgrößten Versicherungskonzern verstaatlichen und deren Verluste auf die Steuerzahler verlagern, um eine noch größere Katastrophe abzuwenden. Gleichzeitig hat die Notenbank Federal Reserve (Fed) Milliarden-Kredite gegen höchst unsichere Sicherheiten vergeben und den Basis-Zins unter die Inflationsrate gesenkt. Mindestens 500 Milliarden Dollar Staatsgeld stehen nun im Feuer, das Staatsdefizit wächst explosiv und die elektronische Notenpresse der Fed läuft auf vollen Touren.
Dieser Vorgang markiert eine historische Wende in der Geschichte des globalisierten Kapitalismus, deren Konsequenzen weit über eine bloße Re-Regulierung der außer Kontrolle geratenen Finanzindustrie hinausgehen werden. Absehbar ist, dass die Kapitalvernichtung im Herzen der US-Ökonomie auch den Anfang vom Ende der seit mehr als 60 Jahren währenden Hegemonie des Dollars in der Weltwirtschaft mit sich bringt.
Denn anders als alle früheren Krisen trifft dieser quälende Crash auf Raten die Vereinigten Staaten zu einer Zeit, da ihre Volkswirtschaft höchst verwundbar geworden ist. Ursache dafür ist die explosiv angewachsene Abhängigkeit der USA vom Kapitalzufluss aus dem Ausland. Vergangenes Jahr beruhten mehr als 5 Prozent der US-Wirtschaftsleistung darauf, dass ausländische Investoren bereit waren, an die Stabilität des Dollars zu glauben und in amerikanische Wertpapiere zu investieren. So konnten Staat und Bürger, wie schon seit Jahren, jeden Tag für 2 Milliarden Dollar mehr Waren und Dienstleistungen verbrauchen, als sie selber produzierten.
Sie kriegen Papier mit den Bildern unserer toten Präsidenten
Dieses Leistungsbilanzdefizit der USA ist im Prinzip ein beinahe unvermeidliches Phänomen für das Ursprungsland der globalen Leitwährung. Weil der überwiegende Teil der Handels- und Finanztransaktionen in Dollar abgewickelt wird und zudem viele Menschen aus Staaten mit unsicheren Weichwährungen seit je in Dollar sparen, kann die US-Notenbank weit mehr ihrer gedruckten und elektronisch gehandelten Greenbacks in Umlauf setzen, als es realwirtschaftlichen Gegenwert im Lande gibt. Quasi automatisch kann Amerika damit mehr importieren, als es exportiert, oder wie der New Yorker Währungsfachmann Brad Setser es ausdrückt: "Die Ausländer liefern uns ihre Waren, und dafür kriegen sie von uns Papier mit den Bildern unserer toten Präsidenten."Anders als bei anderen Defizitländern erfolgt die damit einhergehende Verschuldung der USA gegenüber dem Ausland zudem in der eigenen Währung. Wenn der Dollarkurs sinkt, ist das ein zusätzlicher Vorteil. Automatisch verringert sich die Verschuldung im Verhältnis zu allen anderen Währungen ein "exorbitantes Privileg", wie sich einst schon Frankreichs Nachkriegspräsident Charles de Gaulle empörte. Getragen von dieser Mechanik konnten Amerikas Geldpolitiker darum stets jener Prämisse folgen, die John Connally, der Finanzminister des Skandalpräsidenten Richard Nixon, im Jahr 1971 seinen europäischen Kollegen entgegenhielt: "Der Dollar ist zwar unsere Währung, aber euer Problem." So richteten die Fed-Direktoren ihre Politik ausschließlich an der Lage der amerikanischen Binnenwirtschaft aus. Kippte die Konjunktur, warfen sie die Notenpresse an und nahmen eine Dollarabwertung in Kauf, auch wenn das für ihre Lieferanten aus aller Welt gravierende Einbußen brachte. Drohte Inflation, trieben sie Zinsen und Dollarkurs nach oben, auch wenn das viele Entwicklungsländer mit Auslandsschulden in den Ruin trieb. Am Status des Dollars als Leitwährung änderte sich nichts. Im Gegenteil, jede Krise trieb noch mehr Anleger in den als "sicheren Hafen" angesehenen US-Kapitalmarkt.
Doch seit der Jahrhundertwende hat sich das Machtgefüge im globalen Währungssystem grundlegend verschoben. Die Hüter des Dollars haben überzogen, ihre Schuldenmaschine läuft heiß und sie verlieren die Kontrolle. Schuld daran ist nicht zuletzt der legendäre ungekrönte König des Greenback, Alan Greenspan. Als der damalige Fed- Chef im Jahr 2001 mit Negativzinsen Amerikas Wirtschaft wieder auf Touren brachte, bedachte er nicht, dass China, der größte Handelspartner der USA, sich mit aller Macht einer Abwertung des Dollars entgegenstellen würde. Die Staatskapitalisten in Peking hatten schon früh erkannt, dass nichts das Turbowachstum ihres Landes besser auf Touren hielt als ein stabiler Wechselkurs. Wo mehr als die Hälfte der Volkswirtschaft vom Außenhandel abhängig ist, gibt der Fixkurs den Unternehmen langfristige Sicherheit. Genauso hatten es einst die Aufsteiger Südkorea und Taiwan gehalten und auch das deutsche Wirtschaftswunder beruhte ganz wesentlich auf dem bis 1973 geltenden Festkursregime der westlichen Welt.
Diesem Beispiel folgend setzt Chinas Zentralbank seit 1995 mit eiserner Hand einen stabilen Kurs des Yuan zum Dollar durch, ganz gleich, wie die US-Währung im Rest der Welt gehandelt wird. Die strikte Kontrolle des Kapitalverkehrs schützte das Land zunächst gegen die Asienkrise und dann gegen Greenspans Dollar-Vulkan. Als dieser die US-Währung per Billigzins auf Abwärtskurs setzte, begann die Zentralbank in Peking alle hereinströmenden Dollars zum Festkurs gegen Yuan zu tauschen und vorwiegend in US-Staatsanleihen anzulegen. Entsprechend wuchsen Chinas Handelsüberschuss mit den USA und die Reserven. Mit jetzt schon 1800 Milliarden Dollar hält das Reich der Mitte mittlerweile den größten Devisenschatz aller Zeiten.
Das Gute: Kein Staat der Welt will die Dollarbombe zünden
Ein ähnliches Phänomen spielt sich in den Ölstaaten ab. Weil Erdöl zu Dollarpreisen gehandelt wird, haben auch die Ölexporteure am persischen Golf ihre Währungen an den Dollar gekoppelt. Entsprechend explosiv wuchsen ihre Dollarvermögen inzwischen auf annähernd die gleiche Summe wie in China. Gemeinsam drücken die Staaten des informellen Dollar-Blocks aus Nah- und Fernost so mit dem Kauf von US-Anleihen die Zinsen auf dem amerikanischen Kapitalmarkt. Damit trugen sie nicht nur dazu bei, dass die US-Bürger mehr konsumierten und mehr Häuser bauten, als sie sich leisten konnten und Amerika bei der Auslandsverschuldung nun weit vor Brasilien liegt. Zugleich geriet die US-Wirtschaft in tiefe Abhängigkeit von den Entscheidungen der Wirtschaftslenker in Peking und am arabischen Golf. Würden diese auch nur ihre Käufe von US-Wertpapieren einstellen, würde aus der jetzigen Krise ein Dollar-Crash.Die Konsequenzen wären verheerend. Der schlechter verdienende Teil der US-Bevölkerung würde regelrecht verarmen, weil Importgüter aller Art, vom Benzin bis zu Elektrogeräten, drastisch teurer würden. Der Nachfrageeinbruch würde automatisch in Rezession, hohe Arbeitslosigkeit und ein rapide steigendes Staatsdefizit münden. Die Folgen würden kein Land unbehelligt lassen. Schließlich ist rund die Hälfte aller Wertpapiere der Welt in Dollar ausgewiesen. Vermögensverwalter würden überall gleichzeitig panikartig Dollarpapiere auf den Markt werfen, Bank- und Fondspleiten würden folgen und das ganze Gefüge der globalen Produktionsketten und Kapitalbeteiligungen käme ins Rutschen. Spätestens dann wäre die Krise auch politisch nicht mehr beherrschbar. Antiglobalisten aller Couleur könnten in vielen Staaten an die Macht drängen und ähnlich wie während der Großen Depression mit nationaler Abschottung das globale Handels- und Finanzsystem zerstören.
Das Gute an diesem Szenario ist: Kein Staat der Welt hat ein Interesse daran, es so weit kommen zu lassen. Die Dollarbombe ist scharf, aber niemand wird sie mit Absicht zünden. Keine der beteiligten Zentralbanken wird ohne Not einen Crash auslösen. Es wäre nur zu ihrem eigenen Schaden. Der Harvard-Ökonom Lawrence Summers nannte diese Konstellation deshalb das "Gleichgewicht des finanziellen Schreckens". Nur leider ist das kein Grund zur Beruhigung. Denn nun stellt die US-Regierung das fragile Gleichgewicht selbst massiv in Frage. Indem sie die Krise, die aus Greenspans Politik des billigen Geldes entstand, mit noch mehr billigem Geld bekämpft, riskiert sie eine massive Entwertung des Dollars und brüskiert ihre Gläubiger. Die Ironie der Geschichte will es, dass es nicht renditehungrige Spekulanten sind, die Amerikas Überkonsum finanzieren, sondern staatliche Akteure, die Stabilität auf dem wichtigsten Absatzmarkt für ihre Exporte wollen. Darum blieb der große Absturz des Dollars bisher aus.
Amerikas Gläubiger werden nach einer Alternative suchen
Doch auch die Geduld der Wirtschaftslenker in Peking, Riad oder Dubai hat Grenzen. Wenn ihre gigantischen Dollarvermögen entwertet werden, müssen sie reagieren. Die beste Möglichkeit, ihre Verluste auszugleichen, wäre eine offene Tür für Investitionen. Könnten Unternehmen aus China und den Öl-Staaten mit den Dollars ihrer Zentralbanken unbehindert produktive US-Unternehmen kaufen, müssten sie die Inflation nicht fürchten. Eben diesen Ausweg hat der US-Kongress aber weitgehend versperrt, weil sich mit der China- Angst oder der Denunziation arabischer Investoren als Sicherheitsrisiko viele Wählerstimmen fangen lassen. Darum scheiterte selbst der Verkauf der drittklassigen Ölfirma Unocal nach China oder der Erwerb von ein paar Hafenbetrieben durch ein Unternehmen aus Dubai.Nur: Wer die Hand aufhalten muss, kann nicht ungestraft gleichzeitig die Faust ballen. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis Amerikas Gläubiger nach einer Alternative suchen. Weil Chinas Regenten gerne langfristig planen, wird das vermutlich nicht von heute auf morgen geschehen. Aber mit der Aufwertung des Yuan in kleinen Schritten haben die Planer in Peking begonnen, sich aus der Abhängigkeit vom Export in die USA zu befreien. Die Öl-Staaten wiederum stoßen an die Grenzen ihres Währungsmanagements. Je länger sie sich mit Dollarkäufen gegen die Aufwertung ihrer Währungen stemmen, umso mehr eigenes Geld setzen sie in Umlauf, die Inflationsraten am Golf nähern sich darum schon dem zweistelligen Bereich. Früher oder später werden daher alle Ölexporteure dem Beispiel Kuwaits folgen und den Kurs ihrer Währungen an einem Korb aus Devisen aller Art ausrichten. Wenn es gut läuft, wird sich dieser Prozess über viele Jahre hinziehen und Amerikas Volkswirtschaft Zeit zur Anpassung lassen. Doch gleich ob es per Crash oder langsamer Erosion geschieht, eines erscheint jetzt schon sicher: Die Zeit des US-Dollar als einzige globale Handelswährung geht ihrem Ende entgegen. Der Euro, der japanische Yen und vielleicht sogar der chinesische Yuan werden alsbald einen ähnlichen Rang einnehmen und die US-Wirtschaft wird mit weit weniger Subventionen vom Rest der Welt auskommen müssen als bisher. So haben die Hasardeure der Wall Street nicht nur ihre Banken verspielt, sondern auch Amerikas kostbarstes Privileg. [mehr]
F I N A N Z M Ä R K T EFinanzkrise zerstört Dogmen des Marktes
Radikaler Schwenk in US-Wirtschaftspolitik / George Bush steht vor Trümmerhaufen der Krise / Die Rufe nach ungebremsten Märkten sind verstummt.
Aus: APA-Meldung, 21. September 2008, 22.48 Uhr MESZ (Wirtschaft). [Original]WIEN. Ein radikaler Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik findet in diesen Tagen in den USA statt: Mehr Staat, weniger Privat, heißt die neue Devise, die nun ausgerechnet der republikanische US-Präsident George W. Bush ausgeben muss. Am Ende seiner zwei Amtsperioden steht der Prophet des ungebremsten freien Marktes vor einem Trümmerhaufen: Die um die geplatzte Immobilienblase entstandene Finanzkrise droht zu einer Rezession zu werden, die nicht nur die US-Wirtschaft sondern die gesamte Weltwirtschaft herunterzieht.
Nun soll der Staat zum Retter werden: Mit einem 700 Milliarden-Dollar-Paket (492 Mrd. Euro) soll der Absturz der Wirtschaft verhindert werden: Damit sollen faule Kredite aufgekauft werden, um die Finanzinstitute von der schwer auf ihnen liegenden Last zu befreien. Auch die maximal erlaubte Obergrenze der Staatsverschuldung soll angehoben werden. Als "Notbremse" um die fallenden Kurse zu stoppen wurden bereits Spekulationen auf fallende Kurse, sogenanntes "short selling", verboten.
Mit Dogmen gebrochen
Notenbankgouverneur Ben Bernanke und Finanzminister Henry Paulson sind die "Architekten" des Rettungsplans. "Ein Professor und ein Banker begraben das Dogma des Marktes", titelt die "New York Times". Fed-Chef Bernanke, Wirtschaftsprofessor an den renommierten Universitäten von Stanford und Princeton, und der Wall Street-Experte Paulson, ehemals Chef der Investmentbank Goldman Sachs, entwarfen das Konzept. Angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Situation standen pragmatische Gedanken im Vordergrund: "Es gibt keine Ideologen in einer Finanzkrise", wird Bernanke von einem Teilnehmer eines der Krisentreffen zitiert. Die lange vertretenen Konzepte, der Markt werde alles am besten selbst regeln, staatliche Eingriffe und regulatorische Rahmenbedingungen würden der Wirtschaft nur schaden, wurden über Nacht über Bord geworfen.
Fauxpas für Bush
Für US-Präsident Bush und die Republikaner ist die Kehrtwende besonders bitter: Jahrelang hatte Bush in seinen Wahlkampfreden mit den steigenden Zahlen der Hausbesitzer in den USA geprahlt. Immer mehr Amerikaner lebten im eigenen Eigenheim, führte er als Argument für die Richtigkeit seiner Wirtschaftspolitik an. Dass viele dieser neuen Eigenheimbesitzer sich die Realisierung dieses "amerikanischen Traums" aber eigentlich nicht leisten konnten, rächt sich nun in den geplatzten Hypotheken. In diesem Wahlkampf um den Einzug ins Weiße Haus stehen nicht die gestiegenen Quoten der Hausbesitzer, sondern die Rate der Zwangsversteigerungen im Vordergrund.Dem nächsten Präsidenten der USA, sei es nun der Republikaner John McCain oder der Demokrat Barack Obama, hinterlässt Bush jedenfalls selber eine schwere Hypothek: Die Kosten des Rettungspakets werden noch jahrelang das amerikanische Budget und damit die Wähler und Steuerzahler belasten. Nun prangern beide Präsidentschaftskandidaten die "Gier" in der Finanzindustrie an, die den Zusammenbruch erst möglich machte, indem Kredite zu leichtfertig vergeben wurden, und das Risiko hübsch verpackt in phantasiereich gestaltete Immobilien-Papiere schnell weitergegeben wurde. Riesige Gewinne wurden mit dieser Praxis gemacht sowohl finanzielle Profite an der Wall Street, als auch politische bei den Wahlen. Die immer wieder von Ökonomen geäußerten Warnungen vor einem "Platzen" der Immobilienblase wurden jahrelang von Fed und Weißem Haus in den Wind geschlagen. Und das "Dogma", jede amerikanische Familie müsse im eigenen Haus leben, traut sich auch jetzt niemand anzutasten. [mehr]
G L O B A L E F I N A N Z K R I S EKurz vor dem Kollaps
Mit drastischen Eingriffen in die Wirtschaft und Hunderten von Milliarden Dollar versucht die US-Regierung, weitere Bankpleiten zu verhindern. Doch die Gefahr einer Kernschmelze der Finanzmärkte mit dramatischen Folgen für die Weltwirtschaft ist noch nicht gebannt.
Hinweis auf: Der Spiegel 39/2008, 22. September 2008, Seite 7682 (Wirtschaft) von BEAT BALZLI, FRANK HORNIG, CHRISTOPH PAULY, CHRISTIAN REIERMANN und WOLFGANG REUTER. [Original suchen]
Was Sie über die Finanzkrise wissen sollten
Eingriffe der Regierungen, neue Pleiten, weniger Wachstum: Die Meldungsflut über die Finanzkrise wirft auch Fragen auf. Wird das Finanzpaket der US-Regierung zum Ende der Krise führen? Werden weitere Banken pleite gehen? WELT ONLINE hat die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.
Aus: Die Welt, Berlin, 22. September 2008, 17.49 Uhr MESZ (Wirtschaft). [Original]BERLIN (welt.de). Keine Woche vergeht in diesem September ohne dramatische Staatseingriffe in das Finanzsystem. Vor 2 Wochen war es die Quasi-Verstaatlichung der amerikanischen Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac, vor einer Woche die Übernahme des US-Versicherungsriesen American International Group AIG.
Am zurückliegenden Wochenende schließlich gab die Regierung in Washington bekannt, Finanzinstituten aus der Patsche zu helfen, indem sie notleidende Kredite und kreditbasierte Wertpapiere im Volumen von bis zu 700 Milliarden Dollar aufkauft. Außerdem geben die beiden noch verbliebenen unabhängigen Investmentbanken, Goldman Sachs und Morgan Stanley, aus Angst vor dem Untergang ihr Geschäftsmodell auf und unterstellen sich freiwillig einer härteren Regulierung durch die Zentralbank. Fast schon unbemerkt blieb dabei, dass auch in Deutschland eine Notbremse gezogen wurde: Am späten Freitagabend [19.9.2008] gab die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bekannt, dass Spekulationsgeschäfte mit den Aktien bestimmter Finanzinstitute bis Ende des Jahres verboten sind. Staatliche Interventionen und kein Ende? Die wichtigsten Fragen zur Finanzkrise und die Antworten.
Reicht das 700-Milliarden-Dollar-Paket der US-Regierung?
Das weiß niemand. Denn im Moment kann keiner sagen, welche Verluste die Banken noch auftürmen werden.
Kann die Hilfsaktion trotzdem die Lage stabilisieren?
Gut möglich. Denn das hängt weniger davon ab, ob sich mit so viel Geld die Bücher der Banken sanieren lassen sondern davon, ob die Branche glaubt, dass das so ist. Anders als die Krise auf dem Immobilienmarkt ist die Krise des Finanzsystems nämlich in erster Linie eine Vertrauenskrise.
Warum ist Vertrauen so wichtig in dieser Situation?
Viel mehr als andere Unternehmen sind Banken auf das Vertrauen ihrer Geschäftspartner angewiesen. Sparer bringen ihr Geld zu Bank; die verleiht es weiter und verdient damit Geld. Das funktioniert aber nur so lange, wie nicht ein Großteil der Sparer in Panik gerät und gleichzeitig seine Einlagen abheben will. Zentral ist daher, dass die Sparer Vertrauen darin haben können, ihr Geld zurückzubekommen. In der gegenwärtigen Situation ist das Vertrauen zerstört nur dass nicht die Sparer misstrauisch geworden sind, sondern die Banken untereinander, die sich auf dem sogenannten Interbankenmarkt gegenseitig mit Liquidität versorgen. Dieser Interbankenmarkt ist geradezu implodiert: Die Banken horten Liquidität, keine mag der anderen mehr Geld leihen und wenn, dann nur zu absurd hohen Zinsen. Diese Situation ist sehr brenzlig: Denn wenn der Interbankenmarkt ausfällt, kommt gleichsam der Blutkreislauf des Finanzsystems zum Erliegen. "Das ist viel gefährlicher, als es das Publikum in Deutschland wahrnimmt", sagte ein Risikomanager einer deutschen Großbank gestern der WELT.
Kann es noch weitere Bankenpleiten geben?
Ausschließen kann das niemand. In einer Vertrauenskrise kann der Glaube an die Instabilität einer Bank zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden das hat beispielsweise der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers gezeigt.
Die hat zwar zuletzt Verluste gemacht, wäre aber unter normalen Umständen kein Pleitekandidat gewesen. Allerdings ist es zweifelhaft, dass die deutschen Behörden einen Konkurs wie im Fall von Lehman Brothers zulassen würden. Schon die Mittelstandsbank IKB, die weit kleiner ist als Lehman Brothers, wurde 2007 und 2008 mit einer ganzen Reihe von Hilfspaketen gestützt, als sie sich verspekuliert hatte. Am Ende wurde sie zu einem Spottpreis an einen Finanzinvestor verkauft.
Gewisse Spekulationsgeschäfte werden verboten. Zu Recht?
Die BaFin hat jetzt bis zum Jahresende sogenannte Leerverkäufe von Aktien bestimmter deutsche Finanzinstitute untersagt; damit folgte sie den Behörden in Großbritannien und den USA. Bei einem Leerverkauf leiht sich ein Spekulant Vermögenswerte und verkauft sie in der Erwartung, dass er sie dann, wenn er sie wieder zurückgeben muss, zu einem geringeren Preis wieder erwerben kann. Deshalb sind Leerverkäufe nichts anderes als Wetten auf fallende Kurse.
Generell können Leerverkäufe eine ohnehin unvermeidliche Entwicklung beschleunigen. Das war zum Beispiel der Fall in der Asienkrise vor 10 Jahren. Damals wurden die Löcher in den Leistungsbilanzen von Ländern wie Thailand, Malaysia und Südkorea immer größer. Leerverkäufe von Devisenspekulanten zwangen die Länder zu einer Abwertung ihrer Währungen und lösten so die Krise erst aus. Ohne die Leerverkäufe aber hätten sich die Ungleichgewichte vermutlich noch eine Weile vergrößert die anschließende Krise wäre dann mit hoher Wahrscheinlichkeit noch schwerer ausgefallen. Daher können Leerverkäufe durchaus eine segensreiche Wirkung haben.
In der aktuellen Finanzkrise aber können Leerverkäufe auch großen Schaden anrichten. Bedroht sind auch eigentlich solide Finanztitel. Denn für die kann ein spekulativ herbeigeführter Kursverfall dazu führen, dass sich die Beschaffung von Kapital in existenzbedrohendem Maße verteuert.
Was ist noch zu tun, um die Krise einzudämmen?
Zentral ist die Immobilienkrise in den USA. Hier ist eine gefährliche Spirale am Werk: Sinkende Häuserpreise liefern Hypothekenschuldnern einen Anreiz, ihre Zahlungen einzustellen, da die Banken nur auf Häuser, nicht aber auf das sonstige Vermögen von säumigen Kreditnehmern zugreifen dürfen.
Steigende Kreditausfälle führen zu höheren Leerständen. Die Leerstände wiederum drücken die Preise was neue Kreditausfälle provoziert. Fast jeder zehnte Eigenheimbesitzer in den USA ist inzwischen bei seiner Hypothekenbank in Zahlungsrückstand. Und es werden immer mehr.
So lange dieser Teufelskreislauf nicht gestoppt ist, werden sich immer neue Milliardenverluste aufhäufen. Und da die Hypothekenbanken die Kredite zu Paketen zusammengeschnürt und weiterverkauft haben ("Verbriefung"), werden nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Branche in Mitleidenschaft gezogen.
Bisher hat die amerikanische Politik kein Mittel gefunden, um das Problem zu stoppen. Manche Experten erwarten daher inzwischen, dass auf dem amerikanischen Häusermarkt nicht nur die überzogenen Preissteigerungen der vergangenen 10 Jahre korrigiert werden sondern dass nun sogar ein Überschießen der Preis nach unten bevorsteht. In diesem Fall wäre mit einer jahrelangen Konsumschwäche in den USA zu rechnen. Und mit immer neuen Schockwellen für das globale Finanzsystem.
Bekommen Unternehmen jetzt noch Kredite?
Die Finanzkrise begann eigentlich schon vor 13 Monaten: Der Vertrauensverlust unter den Banken wurde erstmals im August 2007 sichtbar; damals verteuerten sich die Zinsen auf dem Interbankenmarkt dramatisch. Dennoch blieb die Krise zunächst weitgehend auf den Finanzsektor begrenzt. Das liegt daran, dass die Kreditversorgung der Wirtschaft außerhalb des Sektors nicht wesentlich beeinträchtigt wurde: Unternehmen, die investieren wollten, bekamen weiterhin Kredit. Die meisten Experten sind denn auch überzeugt, dass es nicht so sehr die Finanzkrise war, die die konjunkturelle Trendwende in der Weltwirtschaft eingeleitet hat sondern die enorm gestiegenen Preise für Energie.
Doch je mehr sich die Finanzkrise verschärft, desto stärker droht sie sich auf andere Bereiche der Wirtschaft auszubreiten. Konkret könnte es für Unternehmen sehr schwer werden, Investitionen zu finanzieren: "Offiziell wird das keiner sagen", erzählt ein deutscher Banker, "aber natürlich werden wir vorsichtiger bei der Kreditvergabe." Offensichtlich, berichtet der Experte, versuchen zahlreiche Unternehmen bereits, dem zuvorzukommen: "Viele ziehen jetzt ihre freien Kreditlinien." Will heißen: Sie nehmen bisher ungenutzte Kreditzusagen in Anspruch in der Erwartung, künftig Geld gar nicht mehr oder nur noch zu wesentlich schlechteren Konditionen zu bekommen.
Wie viel Schwung behält die deutsche Konjunktur?
Bisher gingen die Experten der Bundesregierung davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im kommenden Jahr noch ein Wachstum von 1,2 Prozent schafft. Nun erwägen sie Medienberichten zufolge, diese Prognose auf 0,5 Prozent zu senken.
Eine solche Korrektur war überfällig. Denn die Anzeichen für einen beschleunigten konjunkturellen Abschwung hatten sich bereits vor der jüngsten Verschärfung der Finanzkrise verdichtet. Wie stark sich die Ereignisse der letzten 14 Tage auf die Konjunktur letztlich auswirken werden, lässt sich derzeit noch von niemandem seriös beantworten. [mehr]
G L O B A L E F I N A N Z K R I S EPolitiker fast alle Dilettanten
Altkanzler Schmidt zu Finanzkrise.
Aus: Yahoo-News, 22. September 2008, 19.58 Uhr MESZ (Wirtschaft). [Original]HAMBURG. Altbundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) hält angesichts der Finanzkrise und den Veränderungen der Weltwirtschaft den G8-Gipfel für überholt. "Er hat an Bedeutung weitgehend verloren. Ohne China, ohne Indien, ohne den Mittleren Osten, ohne die Opec, ohne Saudi Arabien oder ohne Brasilien die Weltwirtschaft steuern zu wollen ist ein ziemlich naive Illusion. Das kann gar nicht funktionieren", plädiert der 89-Jährige am Montagabend [22.9.2008] in der ARD-Talksendung "Beckmann" (Sendetermin 22.45 Uhr).
Schmidt attackierte bei "Beckmann" die personelle Besetzung der G8-Gipfel und wünscht sich verstärkte internationale Regeln in der Weltwirtschaft. "Ich bin ganz sicher, dass heutzutage nicht die Staats- und Regierungschefs in der Lage sind, die notwendigen Korrekturen zu beschließen." Er würde aus den von ihm genannten 12 oder 15 Staaten die Finanzminister und die Zentralbankchefs zusammen holen. "Das heißt: die Fachleute. Die Politiker sind auf diesem Felde fast alle Dilettanten. Der größte Dilettant sitzt in Washington", sagte Schmidt.
G L O B A L E F I N A N Z K R I S EEZB-Chef Trichet sieht kein Ende der Finanzkrise
Aus: Yahoo-News, 23. September 2008, 12.43 Uhr MESZ (Wirtschaft). [Original]FRANKFURT/MAIN. Nach dem jüngsten Höhepunkt der Finanzkrise sieht der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, noch lange kein Ende der Krise.
"Es ist ein fortdauerndes Phänomen, das von allen Regierungen und ganz gewiss von den Zentralbanken ständige Wachsamkeit erfordert", sagte Trichet am Montagabend [22.9.2008] in einem Interview mit dem Sender "Euronews". Er erwarte weiter turbulente Episoden auf den Märkten und hektisches Verhalten der Marktteilnehmer.
Trichet forderte mehr Transparenz im Weltfinanzsystem. Insbesondere müssten die undurchsichtigen Finanzinstrumente, "die geradezu giftig gewirkt haben", durchschaubarer werden. Ein wesentlicher Auslöser für die weltweite Krise war der Handel mit faulen US-Immobilienkredit-Paketen, deren Zusammensetzung vielen Akteuren unbekannt war. "Es bringt nichts, jemanden zum Sündenbock zu machen.
Das gesamte System muss auf den Prüfstand, und dabei müssen wir vorsichtig sein", sagte Trichet. Eine Kreditklemme in Europa als Folge der Krise sieht der EZB-Präsident nicht: "In der Euro-Zone sind Kredite für Firmen, Unternehmen und Konzerne nach wie vor dynamisch." [mehr]
Heftiger Streit um US-Pläne zur Banken-Rettung
Die Verhandlungen über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket für die amerikanische Finanzbranche haben heftige Konflikte zwischen den politischen Kräften ausgelöst. Während die einen das Vorhaben als Heilsbringer loben, kritisieren andere das Paket als unamerikanisch und nutzlos.
Aus: DIE ZEIT, 23. September 2008, 20.49 Uhr MESZ (Wirtschaft). [Original]WASHINGTON/NEW YORK. US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke warnten vor einer Verzögerung des Plans. Wenn der Kongress das Paket nicht rasch beschließe, drohten eine Rezession und der Verlust von Arbeitsplätzen, sagte Bernanke. Oppositionspolitiker warfen der Regierung hingegen vor, Steuergelder zu verschwenden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte unterdessen eine neue internationale Finanzordnung an. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, warnte vor anhaltenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten.
Paulson sagte bei einer Anhörung vor dem Banken-Komitee des Senats am Dienstag [23.9.2008]: "Ich fordere Sie auf, so rasch wie möglich zu handeln." Das historische Rettungsprogramm, das die Regierung angesichts der akuten Bankenkrise Ende vergangener Woche aufgelegt hatte, müsse Ende der Woche vom Parlament verabschiedet werden.
Der Steuerzahler ist der Leidtragende
Mit Blick auf scharfe Kritik der Senatoren räumte Paulson ein, dass der Steuerzahler der Leidtragende der Krise sei. "Auch ich bin frustriert... Der Steuerzahler ist bereits am Haken." Dennoch sei das vorliegende Rettungspaket die beste Lösung für alle. Mehrere demokratische, aber auch republikanische Senatoren kritisierten das Paket. "Dieses Rettungsprogramm bringt keine Lösung, es ist finanzieller Sozialismus und unamerikanisch", sagte der republikanische Senator Jim Bunning.US-Präsident George W. Bush sprach von einem mutigen Vorgehen der USA gegen die Krise. "In den vergangenen Wochen haben wir mutige Schritte gemacht, um eine ernsthafte Zerrüttung der amerikanischen Wirtschaft zu verhindern, die einen verheerenden Auswirkung auf andere Wirtschaften in der ganzen Welt gehabt hätte", sagte er vor der UN-Generalversammlung in New York.
Streit zwischen Regierung und Kongress geht weiter
Bei den Verhandlungen über das Paket das im Kern einen Aufkauf fauler Kredite bis zu 700 Milliarden Dollar von bedrängten Banken vorsieht gab es weiterhin Differenzen zwischen der Regierung und dem Kongress. Laut US-Medien herrscht vor allem in der Frage einer parlamentarischen Aufsicht weiterhin Uneinigkeit. Mehrere demokratische Senatoren betonten, das Parlament dürfe der Regierung keinen "Blanko-Scheck über 700 Milliarden Dollar" ausstellen.UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte zum Auftakt der Generaldebatte der Vereinten Nationen eine neue internationale Finanzordnung an, die auf Partnerschaft mit den Armen und Ärmsten setzt. "Wir brauchen ein neues Verständnis von Unternehmensethik und Führung, mit mehr Mitgefühl und weniger unkritischem Glauben in die "Magie des Marktes", sagte Ban vor mehr als 100 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. [mehr]
khd-research notiert:G L O B A L E F I N A N Z K R I S E
Und die Finanzkrise geht weiter 3
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Diesen Artikel
gibt es auch in24.9.2008 (khd/d-radio). Der Banken-Ausschuß des US-Senats hat gestern nach einer Anhörung von Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke den Rettungsplan der Bush-Regierung in seiner derzeitigen Form abgelehnt.
24.9.2008 (khd/info-radio). Auf einem G8-Sondergipfel im November sollen sich die 8 bedeutendsten Industriestaaten (USA, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Italien, Japan, Rußland) auf ein gemeinsames Vorgehen bei der nun gebotenen Neuordnung des internationalen Finanzmarkts verständigen. Bereits im Oktober werden sich in Washington die G7-Finanzminister (ohne Rußland) treffen. [Helmut Schmidt kritisiert G8-Gipfel]
24.9.2008 (khd/tsp). Nach einem Tagesspiegel-Bericht hat die Finanzkrise bereits Berlin erreicht. Die Berliner Immobilien-Preise stürzen ab. Investoren mit US-Krediten, darunter viele Hedge-Fonds, stehen unter massivem Druck.
25.9.2008 (khd/tsp). Inzwischen ist mit umfangreichen Ermittlungen der US-Bundespolizei FBI bei 26 Finanzinstituten der Wall-Street begonnen worden. Im Umfeld des Crashes soll es zu Betrügereien gekommen sein. Es könnte aber auch sein, daß dieses Vorgehen vor allem aufgebrachte Bürger, die ihr Geld verloren haben, beruhigen soll.
25.9.2008 (khd/cnn). In einer überraschend angesetzten Fernsehansprache zur Finanzkrise hat gestern Abend US-Präsident Bush davor gewarnt, daß der weltgrößten Volkswirtschaft ohne die Gelder der Regierung eine Katastrophe drohe, denn sein Rettungsplan ist noch immer nicht unter Dach und Fach. Unsere gesamte Wirtschaft ist in Gefahr. Millionen Amerikaner könnten ihren Arbeitsplatz verlieren, sagte der Präsident. Zudem drohe Panik auf dem Finanzsektor. Die beiden Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain lud Bush zu einer Krisensitzung am Donnerstag (25.9.2008) ein. Ziel sei es, eine schnelle Verabschiedung des Rettungsplans zu erreichen, heißt es.
25.9.2008 (khd/info-radio). Der Deutsche Bundestag debattiert die globale Finanzmarkt-Krise und die Folgen für die deutsche Volkswirtschaft. Bundesfinanzminister Steinbrück (SPD) zeichnet in einer Regierungserklärung ein düsteres Bild der Märkte, was umso erstaunlicher ist, weil er die Finanzkrise zuvor heruntergespielt hatte (Die deutsche Wirtschaft ist sehr viel robuster als vor 3 oder 4 Jahren, und sie ist auch besser aufgestellt als zum Beispiel die amerikanische, sagte er noch der WELT am 20.7.2008). Die USA verlören jetzt ihren Status als Supermacht des Weltfinanzsystems, stellte er fest.
25.9.2008 (khd/d-radio). In ihrer Empörung über die Folgen der weltweiten Finanzkrise hat sich jetzt die anglikanische Kirche auf die Kapitalismus-Kritik von Karl Marx berufen. Der deutsche Kommunist habe zum Teil recht gehabt, schrieb der Erzbischof von Canterbury und ranghöchste Vertreter der anglikanischen Kirche, Rowan Williams, im britischen Magazin The Spectator. Marx hat schon vor langer Zeit erkannt, wie der ungezügelte Kapitalismus eine Art Mythologie wird, die den Regierungen und der Wirklichkeit keine eigene Bedeutung zuschreibe.
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G L O B A L E F I N A N Z K R I S EWenn Ideologien sterben
Nach dem Finanzdebakel in Amerika sind in Europa die postideologischen Sozial- und Christdemokraten gefordert.
Aus: DIE ZEIT, 25. September 2008, 11.53 Uhr MESZ (Wirtschaftspolitik). [Original]Wenn nicht mehr gilt, was gestern noch ein Dogma war, sollte man sich warm anziehen. Achtung, dies ist keine Übung, das ist der Ernstfall! Amerika setzt insgesamt 1000 Milliarden Dollar Steuergelder ein, um Banken und Versicherungen, die sich verspekuliert haben, zu retten. Die verschreckte Regierung verstaatlicht sozialisiert deren Milliardenverluste.
Dass sie dieses Desaster insofern mitverantwortet, als sie 8 Jahre lang aus ideologischen Gründen jede strengere Kontrolle des Gebarens dieser Spekulanten abgelehnt hatte, wird jetzt nicht debattiert. Finanzminister und Notenbankchef drängen das Parlament, das Sanierungspaket zu Lasten der künftigen Generationen von Steuerzahlern ohne verzögernde Debatte und Widerstände abzusegnen. Das Motto: Wer sich, wie Kongressabgeordnete aus beiden Parteien, mit Auflagen und Bedingungen querlegt, ist schuld, wenn die Rettung scheitert.
Wieder einmal war es der klügste unter Europas Regierungschefs, der Luxemburger Jean-Claude Juncker, der die Lage auf den Punkt brachte: "Ideologien sterben, wenn die Wirklichkeit kommt." In der ihm eigenen Mischung aus Weisheit und Witz kommentierte er die Bedenkenlosigkeit, mit der die konservative US-Regierung ihre neoliberale Glaubensfestung verlassen und ihr Heil in staatssozialistischem Krisenmanagement gesucht hatte: Sogar "die Angelsachsen, Briten und Amerikaner, die ansonsten für einen schmalen Staat plädieren", haben erkannt, dass "der Staat gebraucht wird". Was für ein Umbruch.
Natürlich wird keiner der über Nacht entideologisierten Akteure vorerst zugeben, er habe sich geirrt. Wer jahrelang Ronald Reagans Katechismus-Sprüchlein nachgebetet hat, in der Krise sei der Staat nicht die Lösung, sondern das Problem, der will angesichts des Dammbruchs nicht über die Mitschuld am Desaster diskutieren.
Aber was nun? Schlägt jetzt die Stunde der linken Populisten? Der Marxisten, Alt- oder Neokommunisten, der grau gewordenen Experten des "staatsmonopolistischen Kapitalismus", der amtlichen Kapitalismusanalyse der SED? Fühlen desorientierte Genossen und verbitterte Dissidenten aus der alten Sozialdemokratie sich nun, nach ihrem Wechsel zur "Linkspartei", bestätigt? Das mögen sie ruhig tun, auch höhnen und spotten. Die ideologischen "Pleitiers" des Kasinokapitalismus, die ohne Skrupel das Geld anderer verzockten, haben beides verdient. Ihre Abfindungen werden sie dafür entschädigen.
Für Europas diverse Linksparteien dürfte aber über das Hochgefühl des Rechtbehaltenhabens hinaus vermutlich nicht viel zu gewinnen sein. Denn die Ex-Maoisten in Holland, Altkommunisten in Schweden, Frankreich oder Spanien, Ex-Staatssozialisten und der Ex-SPD-Vorsitzende in Deutschland haben außer Sonntagsprüchen und Grundwahrheiten nichts im Angebot. Von ihnen erwartet niemand ernsthafte Vorschläge zur aktuellen Schadensbegrenzung, ganz zu schweigen für die dringend nötigen Umbau- und Sanierungsarbeiten.
Das wird ein gewaltiges transnationales Projekt: eine globale Agenda 2008 der Weltfinanzordnung. Gemessen daran wird uns die deutsche Agenda 2010 wie ein Spaziergang vorkommen. Für diesen Kraftakt sind, so bitter das den Linkslinken aufstoßen mag, die unorthodoxen Reformpolitiker vom Typ der neueren europäischen Mitteparteien gefragt.
Dazu gehören die Repräsentanten der unterschiedlichen "Neuen Konservativen", soweit sie ihren sozialen Anspruch ernst meinen. Einige von ihnen, nicht zuletzt Angela Merkel, haben schon früher eine Reform des Finanzsystem verlangt, ohne in Washington ernst genommen worden zu sein. Und dazu gehören ebenso die Vertreter der Mitte-Links-Parteien, denen es in London und Washington nicht anders ging. Sie hatten sich auf dem "Dritten Weg" zwischen Markt- und Staatsorthodoxen als Herolde des "europäischen Modells" oder des "Rheinischen Kapitalismus" zu profilieren versucht.
Politisch wurde das, wie die Krise der Sozialdemokratie quer durch Europa zeigt, nicht belohnt. Aber das könnte sich angesichts der Umstände ändern, vorausgesetzt, die Sozialdemokraten sind in der Lage, über den "New Labour"-McKinsey-Reformismus des vergangenen Jahrzehnts hinauszudenken. Gegenüber den populistischen Allesversprechern am rechten und linken Rand hätten die Sozialdemokraten Vorteile, die jetzt zum Tragen kommen sollten: Regierungserfahrung, internationale Vernetzung und die revitalisierbare Verbindung mit den Gewerkschaften, die zwar belastet, aber wiederherstellbar ist.
Für die Phase, in der es nach den Aufräumarbeiten in der Wall Street um den Aufbau einer gerechteren internationalen Finanzordnung gehen wird, sind die postideologischen Sozialdemokraten und Christdemokraten Europas gemeinsam gefordert. Zusammen wären sie am ehesten in der Lage, das kontinentaleuropäische "Modell" mit seinen Elementen Mitbestimmung, Sozialstaat und sozialer Bindung des Eigentums den absehbaren neoliberalen Restaurationsbemühungen der "Angelsachsen" entgegenzuhalten, in Regierungsverhandlungen, aber auch in den öffentlichen politischen Debatten. Denn auch hier gilt voraussichtlich die alte Erfahrung: Das Alte weicht nicht ohne Kampf.
In diesem historischen Moment braucht es eine "große Koalition" jener, die schon bisher das Treiben in New York und London skeptisch beobachtet hatten, mit ihren Empfehlungen aber auf taube Ohren stießen. Sollte der Kandidat des Wandels, Barack Obama, die Wahl gewinnen, hätten sie in Washington immerhin einen Gesprächspartner, der ähnlich denkt. Hoffen kann man immer. [mehr]
Krisengipfel im Weißen Haus bringt keine Einigung
Zuerst sah alles nach einer Einigung aus jetzt trifft der milliardenschwere Notfallplan der US-Regierung auf den Widerstand konservativer Republikaner: Das Krisentreffen von US-Präsident Bush mit den Kandidaten Obama und McCain wurde ergebnislos beendet. Medien berichten von hitzigen Wortgefechten.
Aus: Spiegel Online 26. September 2008, 2.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original]WASHINGTON. Das historische Krisentreffen zur Finanzkrise auf dem Capitol Hill ist nach gut einer Stunde ohne Ergebnis beendet worden. US-Präsident George W. Bush hatte die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain sowie führende Kongressmitglieder kurzfristig zu einem Runden Tisch eingeladen, um über den 700 Milliarden Dollar schweren Notfallplan der US-Regierung zu debattieren.
Vor dem Treffen im Weißen Haus hatten Kongressmitglieder mitgeteilt, dass Republikaner und Demokraten in den zuständigen Ausschüssen eine grundsätzliche Einigung über das Programm erzielt hätten. Die Vorlage werde nun mit der Regierung erörtert. Die US-Börsen reagierten auf die Ankündigung positiv und verbuchten prompt deutliche Kursgewinne.
Laut Medienberichten gibt es allerdings erheblichen Widerstand bei konservativen Republikanern gegen den beispiellosen Notfallplan für die kriselnde Finanzbranche.
Dem Sender CNN zufolge kam es vor diesem Hintergrund bei den Beratungen im Weißen Haus zu teilweise hitzigen Wortgefechten zwischen Kongressvertretern beider Parteien. Nach Angaben des demokratischen Senators und Vorsitzenden des Bankenausschusses Christopher Dodd versuchten führende Republikaner noch während des laufenden Krisentreffens, den Stunden zuvor ausgehandelten Kompromiss mit neuen Forderungen zu sprengen.
Dodd äußerte sich sichtlich verärgert gegenüber CNN: "Dieses politische Theater im Weißen Haus hat uns wahrlich nicht weitergeholfen". Der Demokrat hatte sich vor dem Krisentreffen noch optimistisch gezeigt, dass der Plan von Repräsentantenhaus und Senat durchgewunken und vom Präsidenten unterzeichnet werde.
In der Tat wurde in den Stunden zwischen dem Treffen der Parteien und dem Krisengipfel unter Präsident Bush heftige Kritik an dem Kompromissplan laut: Der demokratische Fraktionschef im Abgeordnetenhaus Steny Hoyer sagte etwa, es gebe bei Kongressmitgliedern auf beiden Seiten nach wie vor ernste Bedenken gegen Teile des Regierungsvorschlags zum Aufkauf von faulen Krediten. Auch ein Sprecher des demokratischen Senatsmehrheitsführers Harry Reid sagte, es gebe noch viel zu tun.
Der republikanische Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, John Boehner, dementierte ebenfalls eine Einigung. "Die Republikaner im Repräsentantenhaus haben derzeit noch keinem Plan zugestimmt", sagte er. Auch der Republikaner Richard Shelby, Senator aus dem Bundesstaat Alabama und einer der schärfsten Kritiker des Rettungspakets, meldete Zweifel an: "Es gibt noch immer einige Streitpunkte, die nicht gelöst sind."
khd-research notiert:D E U T S C H E W I R T S C H A F T
Und die Finanzkrise geht weiter 4
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gibt es auch in26.9.2008 (khd/cnn). Der Krisengipfel im Weißen Haus brachte gestern Abend keinen Durchbruch, sondern nur Streit zwischen den handelnden US-Politikern um den Rettungsplan. Schließlich sei dieser 700-Milliarden-Rettungsplan der totale Offenbarungseid und der Preis für 8 Jahre total verfehlter Wirtschaftspolitik der konservativen Bush-Regierung und das in Wahlkampfzeiten, stellen Marktbeobachter fest. [mehr]
26.9.2008 (khd/d-radio). In den USA ist mit der Washington Mutual (WaMu) eine weitere Bank pleite. Diesmal trifft es die Bank der kleinen Leute. Die Aufsichtsbehörde schloß die private Geschäftsbank. Sie wurde zwangsweise an JP Morgan Chase für 1,9 Mrd. $ notverkauft. Seit dem 15. September hatten WaMu-Kunden 16,7 Mrd. $ ihrer Einlagen abgehoben, da sie das Vertrauen verloren hatten. Damit erreicht die Bank- und Finanz-Krise einen neuen Höhepunkt, denn dieses ist die größte Bankenpleite in der Geschichte der USA.
26.9.2008 (khd/info-radio). In Europa soll die belgisch-niederländische Großbank Fortis ernste Liquiditätsprobleme haben, was diese dementierte. [Ed-28.9.2008: Nun steht bereits fest, daß Fortis wg. hoher Verluste verstaatlicht werden muß, womit wieder einmal klar wird, daß Banken in Krisenzeiten immer lügen].
27.9.2008 (khd/welt.de). Die Pleite von Lehman Brothers bekommen auch die deutschen Fondsanleger zu spüren, die auf die als sicher geltenden Renten- und Geldmarkt-Fonds setzten. Einige Fonds haben bereits mehr als 4 % an Wert eingebüßt.
27.9.2008 (khd/info-radio). Die Finanzkrise könne die Arbeitslosigkeit in Deutschland im nächsten Jahr wieder ansteigen lassen. Das sagen Arbeitsmarktforscher. Für 2009 rechnen sie mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von 3,22 Millionen. [Bisherige Entwicklung der Arbeitslosigkeit]
27.9.2008 (khd/info-radio). Der US-Congress ringt weiter um den 700-Milliarden-Rettungsplan. Es wird damit gerechnet, daß nun bis zum Sonntagabend (28.9.2008) eine Einigung zwischen Demokraten und Republikanern erzielt wird, sonst könne es in der nächsten Woche mit dem Chaos an der Wall-Street weitergehen.
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Finanzkrise als Bremse die Angst wächst
Die anhaltende Finanzkrise in Amerika wird die deutsche Wirtschaft nach Ansicht der Bundesregierung Wachstum kosten. DGB-Chef Michael Sommer erwartet Entlassungen und "Lohndrückerei".
Aus: Spiegel Online 27. September 2008, ??.?? Uhr MESZ (nur elektronisch publiziert). [Original=xxx]BERLIN/WIESBADEN. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) rechnen damit, dass die bisherige Prognose von 1,2 Prozent Wirtschaftswachstum 2009 nicht zu halten sein wird. Eine Wachstumsdelle für die deutsche Wirtschaft erwartet auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU). Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, befürchtet als Folge der Finanzkrise Stellenstreichungen und Lohnsenkungen in Deutschland.
"Die Gefahr ist riesengroß, dass die Finanzmarktkrise die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in ihren Strudel zieht", sagte Sommer der Bild am Sonntag. "Was das für die Beschäftigten bedeuten würde, haben sie schon in vielen Krisen bitter erfahren müssen." Jene Manager, die sich am Kasino-Kapitalismus lustvoll beteiligt und die Milliardenverluste produziert hätten, würden als erste versuchen, den Schaden auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abzuwälzen, sagte Sommer. "Und das heißt: Personalentlassungen und Lohndrückerei zuerst bei Banken und Versicherungen und dann im Zuge des Wirtschaftsabschwungs auch in anderen Branchen."
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